Prof. Dr. Melinda Lohmann im Porträt

"Ich hoffe, dass Programmierkurse für Juristen bald zur Standardaus-

bildung gehören!"

Prof. Dr. Melinda Lohmann, Assistenzprofessorin an der Universität St. Gallen, über ihre Leidenschaft für die Forschung und Wissenschaft, die Herausforderungen einer akademischen Karriere und die Digitalisierung des Rechtsmarkts.

Liebe Melinda, Du bist Assistenzprofessorin an der Universität St. Gallen, Direktorin der Forschungsstelle für Informationsrecht und schreibst deine Habilitation im Bereich Digitalisierung und Vertragsrecht. Wie bist Du auf den Bereich Informations- bzw. Technologierecht gekommen?

Auf meiner Suche nach einem Dissertationsthema bin ich auf einen Artikel zu Robotern und Recht gestossen und war hin und weg; genau dazu wollte ich forschen: Wer haftet, wenn der Roboter eigendynamisch handelt und dabei einen Schaden anrichtet? Meine Dissertation habe ich am Ende über zulassungs- und haftungsrechtliche Fragen bei selbstfahrenden Autos geschrieben, weil dieser Bereich sehr schnell sehr praxisrelevant wurde. Die Roboter haben mich seither nicht mehr losgelassen.

Du hast im Anschluss an deinen Master an der Universität St. Gallen promoviert. Was war für dich wichtig, um während dieser Zeit motiviert und fokussiert zu bleiben?

Ich fand es sehr erfüllend, mich während des Doktorats intensiv und fokussiert einem Thema widmen zu können. Das klingt jetzt etwas nerdy, aber ich konnte oftmals mein Glück kaum fassen, tagein tagaus vor mich hin forschen zu dürfen. Natürlich hatte ich trotzdem Motivationstiefs und schwierige Phasen. Motivation und Selbstdisziplin aufzubringen fällt bei einer Forschungsfrage, für die man Feuer und Flamme ist, wesentlich leichter. Bei aller Eigenbrötlerei, die das Forschen mit sich bringen kann, ist der soziale Austausch zentral. Einen Grossteil meines Doktorats habe ich im Robotics and Biology Laboratory an der TU Berlin verbracht und dort inspirierende Kontakte mit Robotikern geknüpft.

Welche Rolle hat für dich Mentoring gespielt in deiner akademischen Laufbahn?

Für mich war und ist der Kontakt mit inspirierenden Personen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit mir teilen, sehr wichtig. Dieser Austausch mit Ratgebern und Sparringspartnern hat mich schon oft bestärkt und beflügelt.

Entsprechend freue ich mich, wenn auch ich meine Erfahrungen an jüngere Frauen (und Männer) weitergeben kann.

Eigentlich wolltest Du unbedingt als Anwältin arbeiten, hast dich dann aber doch für die Wissenschaft entschieden. Wie kamst Du zu diesem Wechsel?

Jura habe ich mit dem festen Vorsatz studiert, Anwältin zu werden und wollte nach der Anwaltsprüfung direkt in die Praxis. Gleichzeitig fand ich eine Karriere in der Wissenschaft aufgrund der Freiheiten und der Sinnhaftigkeit schon immer reizvoll. Als dann gegen Ende meines Doktorats eine Assistenzprofessur in meinem Forschungsgebiet an meiner Alma Mater ausgeschrieben wurde, musste ich mich einfach bewerben. Mit dieser Aufgabe fühle ich mich sehr wohl, gerade auch weil ich in verschiedenen Projekten sehr praxisbezogen arbeiten kann.

Du und dein Mann seid im November 2019 Eltern geworden und habt beide Elternzeit von jeweils vier Monaten genommen. Was hat diese Zeit für Euch als Familie bedeutet?

 

Ich habe es sehr genossen, mich voll und ganz meinem Sohn widmen zu können und fand die Auszeit total erfrischend. Interessanterweise bin ich danach sogar mit mehr Elan und Fokus ins Berufsleben zurückgekommen. Natürlich ist es manchmal knackig, alles unter einen Hut zu bringen, aber ich erlebe den Mix zwischen Beruf und Familie als sehr erfüllend. Die Elternzeit meines Mannes ist noch in vollem Gange und er macht eine ähnliche Erfahrung.

Was ist für euch wichtig, um diese vergleichsweise ausgewogene Aufgabenverteilung auch nach dem Ende der Elternzeit fortsetzen zu können?

 

Ich glaube, es ist in erster Linie eine Frage der Einstellung; dass wir uns beide gleich intensiv um unser Kind kümmern, ist für uns aus verschiedenen Gründen selbstverständlich. Wir wollen uns beide (beruflich) weiterentwickeln, und – ich glaube das ist der springende Punkt – wollen auch, dass der andere sich entfalten kann. Teamwork und gegenseitige Wertschätzung ist sicher essentiell. Vielleicht fragt ihr aber nochmals nach, wenn wir etwas mehr Erfahrung haben.

Wie hast Du für dich nach dem Mutterschutz einen neuen Rhythmus gefunden mit der Habilitation und deiner Arbeit in St. Gallen?

Aktuell halte ich keine Vorlesungen und aufgrund der Corona Krise sind wir ohnehin im Home-Office. Das ist eine Chance und eine Herausforderung zugleich, zum einen fallen sämtliche Wege weg und ich verbringe viel mehr Zeit mit meiner Familie, zum andern ist es nicht ohne, sich zu disziplinieren und mit einem quietschenden Kind im Nachbarzimmer in die Forschung zu vertiefen.

Allgemein bin ich zuversichtlich, dass ich die verschiedenen Aufgaben mit etwas Flexibilität weiterhin gut meistern und diese Lebensphase geniessen kann.

Was ist aus deiner Sicht an einer akademischen Laufbahn attraktiv?

Ganz klar die Freiheiten und der Impact: Als Wissenschaftlerin kann ich mich mit Themen befassen, die ich spannend und wichtig finde und meine Arbeit relativ flexibel gestalten. Auch kann praxisrelevante Forschung einiges bewirken; so wurde ich beispielsweise für eine Gesetzesrevision in meinem Forschungsfeld beigezogen. Erfüllend ist es schliesslich von Studierenden zu hören, dass man sie für sein Fach begeistert und inspiriert hat.

Laut einer Studie des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung betrug der Anteil der Professorinnen an Schweizer Hochschulen 2018/2019 nur 23%. Was braucht es, um mehr Frauen in der Wissenschaft zu halten?

Eine wissenschaftliche Karriere ist theoretisch für Frauen (und Männer) gut geeignet, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Den Übergang zum Ordinariat schaffen aber nur die wenigsten. Die Unterrepräsentation von Frauen hat vielschichtige Ursachen. Auch wenn es viele positive Beispiele gibt, wird die Gleichbehandlung von Frauen und Männern noch nicht durchgehend gelebt, besonders wenn Kinder ins Spiel kommen. Die Familiengründung fällt für Nachwuchswissenschaftlerinnen oft mit der kritischen Phase der Profilierung zusammen: Sie werden in der Zeitspanne Mütter, in der auch der nächste Karriereschritt anstünde. Hier müssen Fördermassnahmen ansetzen. Damit sich mehr Frauen diesen Weg zutrauen, braucht es definitiv mehr weibliche Vorbilder.

Auf der individuellen Ebene ist die Partnerwahl wahrscheinlich die entscheidendste Weichenstellung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hätte mein Mann nicht auch Elternzeit genommen, könnte ich nicht so fokussiert an meiner Forschung arbeiten und die nächsten Schritte vorbereiten.

Dein Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem im Bereich des regulatorischen Aspekts von Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Wie hast Du dir das hierfür erforderliche technische Wissen angeeignet?

Ich habe ein paar Programmierkurse belegt und in interdisziplinären Umgebungen geforscht, z.B. an der TU Berlin, an der UC Berkeley und am Weizenbaum Institut in Berlin. Ein technisches Grundverständnis ist essentiell, um die richtigen Forschungsfragen zu stellen und relevante Antworten zu liefern. Ich hoffe, dass Programmierkurse für Juristinnen und Juristen bald zur Standardausbildung gehören! An der HSG wirke ich am Zertifikatsprogramm „Data Science Fundamentals“ mit, wo Studierende u.a. Programmier-Skills erwerben und lernen, was sich hinter „Data Science“ und „Machine Learning“ verbirgt. Mit diesem Rüstzeug sind unsere Studierenden für die digitale Zukunft gewappnet.

Was sind nach deiner Einschätzung die Herausforderungen in diesen Bereichen für die kommenden Jahre?

 

Es gibt kaum einen Bereich, der von der Entwicklung unberührt bleiben wird. Viele Fragen lassen sich im herkömmlichen Rechtsrahmen lösen, einige werden unser Rechtssystem an seine Grenzen bringen. Speziell was die Digitalisierung des Rechtsmarkt betrifft (LegalTech), müssen wir Juristen umdenken und uns auf die neuen Möglichkeiten einlassen. Studierende sollten auf den Wandel vorbereitet werden, denn ihre Zukunft als Juristen wird eine ganz andere sein.  

Welche Juristin hat dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Eine stete Inspiration sind für mich meine Wegbegleiterinnen, Prof. Dr. Isabelle Wildhaber und Dr. Isabelle Berger-Steiner, zwei herausragende Frauen, die beide bereits von breaking.through porträtiert wurden. Nominiert werden sollte die Juristin und Unternehmerin Franziska Tschudi, die mich mit ihrer authentischen und humorvollen Art beeindruckt hat.

Herzlichen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Du dir dafür genommen hast!

Berlin/Zürich, 21. Juni 2020. Prof. Dr. Lohmann hat das Interview schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Charlotte Rosenkranz.

Spannende Porträts, die Dich ebenfalls interessieren könnten

Dr. Annabelle Möcksch, LL.M., Senior Associate bei Schellenberg Wittmer, über Auslandserfahrung, Schieds-gerichtsbarkeit, den Unterschieden zwischen Deutschland und der Schweiz und der Gleichberechtigung. Weiterlesen

Simone Stebler, LL.M., Beraterin bei Egon Zehnder, über ihren Karrierewechsel in die Personalberatung, gewachsene Anforderungen in der Rekrutierung von JuristInnen und Diversität in Führungspositionen. Weiterlesen