Karin Graf, LL.M. im Porträt

"Man wächst an Herausforde- rungen."

Karin Graf, LL.M., Rechtsanwältin und Partnerin bei Wenger Plattner, berichtet darüber, sich für die Karriere Zeit zu nehmen und das Handwerkszeug für langfristigen beruflichen Erfolg.

Liebe Frau Graf, Sie sind seit 2015 Partnerin bei Wenger Plattner im Bereich Prozessführung und Schiedsverfahrensrecht. Was reizt Sie an diesem Themenbereich?

Jeder Konflikt hat seine Geschichte. Ich bin als Prozessanwältin dazu da, diese Geschichten zusammen mit unseren Kunden aufzuarbeiten, in einen rechtlichen Kontext zu stellen und bestmöglich zu lösen. Das hat eine detektivische, faktenbasierte Komponente, ist aber auch kreative Arbeit. Die Sprache ist das wunderbare Werkzeug meiner Tätigkeit. Zudem sind die Themen, die von Kundenseite an mich herangetragen werden in einem steten Wandel und nie einfach nur eine Wiederholung. Mein Job ist also enorm abwechslungsreich, fordernd und spannend.

Sie waren 14 Jahre als Anwältin tätig, bevor Sie Partnerin wurden bei Wenger Plattner. Wie erhält man sich die Ausdauer und Begeisterung, um sein Ziel zu erreichen?

Es waren insgesamt 14 Jahre zwischen meiner Zulassung als Anwältin (2001) und meiner Aufnahme in die Partnerschaft von Wenger Plattner (2015). Diese Zeit kam mir damals sehr lang vor und es war in der Tat nicht immer einfach, an meinem Ziel festzuhalten.

Das hatte auch damit zu tun, dass sich nach meine Berufseinstieg die Branche und wirtschaftlichen Gegebenheiten verändert hatten. Nachdem der Markt zuvor stetig gewachsen war und mit ihm auch der Bedarf an Anwälten (und Partnern), war dieses Wachstum nun nicht mehr gegeben. Man musste sich eine eigene Nische und damit seinen Platz in einer Kanzlei suchen. Das braucht seine Zeit und daher wird auch der Weg zur Partnerschaft generell länger.

Sie werden sich fragen, warum ich trotzdem am Ziel festgehalten habe? Weil ich sehr gerne als Anwältin tätig bin und ich immer wusste, dass ich unternehmerische Verantwortung tragen will.

Gab es weitere Gründe, warum Sie sich etwas in Geduld üben mussten?

Als junge Anwältin dachte ich, dass es genügt, sehr gute Arbeit zu leisten und ein Ziel erreichen zu wollen. Ich musste jedoch feststellen, dass eine Laufbahn selten einfach gradlinig verläuft und Qualität und Wille alleine nicht genügen. Plötzlich stolpert man über Zufälligkeiten, spürt Widerstand der Mitbewerber, sieht sich deshalb in Frage gestellt und läuft Gefahr, aufzugeben.

Die Luft wird in jeder Organisation dünner gegen oben und ich wage die Behauptung, dass wir Frauen tendenziell für diese Art von Herausforderungen nicht gut vorbereitet werden. Ob man in einer grösseren Kanzlei Partnerin wird oder nicht, hängt stark von den kanzleiinternen Bedürfnissen und den inneren politischen Umständen ab. Füllt man mit dem eigenen Profil und Können eine Lücke oder ergänzt man einen Wachstumsbereich? Hat man Support innerhalb und ausserhalb der eigenen Practice Group? Gibt es Meinungsführer, die als Mentorinnen/Mentoren hinter einem stehen und sich dafür einsetzen, dass man in eine Partnerschaft aufgenommen wird? Man muss lernen, sich innerhalb dieses Gefüges von Personen und Interessen zu bewegen und zu positionieren, Allianzen finden und dabei authentisch bleiben. All dies muss stimmen, damit der Schritt gelingt und dafür braucht es manchmal etwas Geduld und die stete Bestätigung des eigenen Willens.

Es ist ein stetiger Lernprozess, wenn man sich dieser Herausforderung stellt. Aber letztlich ist es auch ein gutes Training für die Vertretung von Klienten: wenn man in der Lage ist, den eigenen Standpunkt zu vertreten und zu kommunizieren, lässt sich das auch auf die Vertretung von Klienten in Prozessen übertragen.

Lustigerweise erinnere ich mich heute, dass mir frühere Vorgesetzten stets geraten haben, mir Zeit zu lassen und nicht ganz so ehrgeizig zu sein. Ich hatte damals kein Verständnis für diesen Rat und fürchtete, man wolle mich einfach vertrösten. Heute sehe ich das etwas differenzierter. Es gibt nicht den perfekten Weg und man kann diverse, für die eigene Karriere relevante Faktoren nicht bis ins letzte Detail planen. Manchmal ist es besser, sich etwas mehr Zeit zu lassen.

Die Familiengründung hat meine Laufbahn zeitlich sicherlich ebenfalls beeinflusst. Es kostet einfach enorm viel Kraft, Kinder aufzuziehen und ihnen Zeit zu widmen und gleichzeitig den eigenen Ansprüchen an die Arbeit gerecht zu werden. Zu alledem hinzu soll man noch das eigene Netzwerk pflegen und die Akquisition aufbauen. Und selbst nicht zu kurz kommen. Es ist einfach eine sehr anspruchsvolle Periode. Bedauern tue ich die Familiengründung nicht – ganz im Gegenteil.

Und wie geht man mit Zweifeln um, ob dies denn der „richtige“ Weg für einen ist?

Solche Zweifel sollte man zulassen und sich ihnen stellen. Es ist nicht gut, blind am einmal eingeschlagenen Weg festhalten, wenn er einen nicht glücklich macht. Man sollte sich immer mal wieder fragen: Gefällt mir was ich tue? Stimmt das Umfeld? Nutze ich meine Stärken? Möchte ich etwas ändern?

An einem schwierigen Punkt meiner Karriere habe ich die Begleitung eines Coaches in Anspruch genommen. Sie hat mir geholfen, mir die richtigen Fragen zu stellen und den Kurs etwas anzupassen. Ich würde mich in anspruchsvollen Phasen jederzeit wieder durch einen Coach begleiten lassen.

Bevor Sie 2009 zu Wenger Plattner gingen, waren Sie als Anwältin bei zwei weiteren Wirtschaftskanzleien, im Secondment bei einer Investment Bank und im LL.M. Was war für Sie entscheidend, sich beruflich zu verändern? 

Ich habe lustigerweise nicht das Gefühl, mich beruflich gross verändert zu haben. Letztlich bin ich seit Beginn meiner Karriere als Prozessanwältin tätig und möchte dies auch weiterhin tun. Ich empfinde es heute allerdings als sehr wertvoll, dass ich unterschiedliche Kanzleien kennenlernen durfte. Jede Kanzlei hat ihre eigene Kultur, hat Stärken und Schwächen und ich habe an jeder Station viel gelernt. Glücklicherweise durfte ich immer bei exzellenten Kanzleien arbeiten (lacht).

Insbesondere Ihre Zeit bei einer Investment Bank war sicher ein Szenenwechsel zu der typischen Anwaltstätigkeit. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Die Zeit bei der Investment Bank war eine spannende Zeit, die ich sehr geschätzt habe. Mein grösster Gewinn bestand jedoch darin, dass sich bei mir die Erkenntnis vertiefte, für einen Grossbetrieb wie eine Schweizer Bank nicht geschaffen zu sein.

Haben Sie Empfehlungen, was man bei der Planung eines Secondments beachten sollte?

Jede berufliche Horizonterweiterung ist ein enormer fachlicher und persönlicher Gewinn. Die Idee eines Secondments wird allerding meistens von Seite der Kanzlei an eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter herangetragen und man kann daher nur selten frei aussuchen oder im eigentlichen Sinne planen.

Das Secondment bietet einem die Gelegenheit, die Seite zu wechseln, d.h. die Welt aus der Kundenperspektive zu sehen. Man entwickelt ein Verständnis dafür, was der Kunde von seinem Berater braucht und erwartet. Diese Erfahrung kann einen enorm weiterbringen wenn es gelingt, sie später in der eigenen Beratungstätigkeit umzusetzen.  

Mit der Partnerschaft in einer Kanzlei kommt auch die unternehmerische Verantwortung. Wie haben Sie das notwendige Handwerkszeug für den Aufbau eines Mandantenstammes und Business Case angeeignet?

Ich habe von Vorgesetzten gelernt und mich umgesehen. Jeder Anwalt akquiriert anders und nicht jede Art zu akquirieren passt zu einem selbst und zum eigenen Business Modell. Ich hatte immer wieder das Glück, von tollen Mentoren aktiv gefördert zu werden. Ich habe diesen zugehört und von ihnen abgeschaut. Wenn mir eine Bühne geboten wurde, habe ich versucht sie zu nutzen, auch wenn ich mir das selbst nicht immer von Anfang an zutraute. Man wächst an Herausforderungen. 

Besonders wichtig war für mich AIJA, eine internationale Vereinigung junger Anwältinnen und Anwälte (Association International des Jeunes Avocats), in der ich zwölf Jahre aktiv war. Ich habe bei AIJA viele Kongresse mitorganisiert, Arbeit im Hintergrund geleistet, mit anderen Anwälten aus der ganzen Welt kooperiert, habe auch Referate gehalten und publiziert. Das alles hat zu einem grossen Netzwerk beigetragen. Ich konnte anderen auf informelle Art zeigen, wie ich arbeite und meine Verlässlichkeit unter Beweis stellen. Die Kolleginnen und Kollegen dieses Netzwerkes sind gemeinsam mit mir in Positionen gewachsen, in welchen sie Mandate zu vergeben haben. AIJA war für mich beruflich und persönlich ein grosser Gewinn.

Sollte man dies [das Handwerkszeug] gezielt jungen Anwältinnen und Anwälten, die auf dem Weg in die Partnerschaft sind, beibringen?

Unbedingt. Wir versuchen, unsere Associates diesbezüglich zu schulen und motivieren sie, sich schon früh Gedanken zu machen zu einem einfachen eigenen Business Plan, der sich dann jedes Jahr etwas weiterentwickeln kann. Die Ziele dürfen zu Beginn nicht allzu hochgesteckt sein, aber man kann sich auch als junger Associate fragen: Zu welchem Thema könnte ich etwas publizieren? Wie könnte ich meine Präsentationsfähigkeit ausbauen? Wie möchte ich mich auf LinkedIn präsentieren? Welche Personen aus meinem beruflichen oder privaten Netzwerk könnten einmal rechtlichen Rat benötigen in einem Bereich, in dem ich oder meine Kanzlei sie unterstützen kann?

Die Kanzlei ist meines Erachtens in der Pflicht, die jungen Anwältinnen und Anwälte in dieser Hinsicht zu unterstützen. Es handelt sich jedoch nicht nur um eine Bringschuld, sondern erfordert auch Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft von Seite der Associates.  

Sie waren im Zeitpunkt Ihrer Ernennung zur Partnerin bereits Mutter, Ihr Partner ist ebenfalls berufstätig. Wie haben sie für sich als Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Karriere gelöst?

Mein Mann und ich arbeiten beide in einem 80% Pensum. Wir leisten zu Hause beide denselben Beitrag punkto Haushalt und Kinderbetreuung. Da wir in der Stadt Zürich wohnen, konnten wir stets auf die städtische Infrastruktur (Kita, Hort) zurückgreifen und waren damit sehr glücklich. Vor allem als die Kinder noch ganz klein waren, haben auch die Grosseltern mit angepackt. Sie tun dies noch heute, vor allem bei Geschäftsreisen und Krankheiten der Kinder. Das Ganze erfordert einfach viel Planung. Und vor allem braucht es den bewussten Willen beider Partner, sich gegenseitig zu unterstützen. 

Teilweise wird auch behauptet, dass es junge Frauen heute ohnehin leichter hätten. Hat sich aus Ihrer Sicht tatsächlich so viel geändert, seit Sie das Patent erworben haben? 

Ich habe den Eindruck, dass sich in den vergangenen Jahren vieles zum Positiven hin entwickelt gewandelt hat. Es zählen Leistung und Einsatz. Teilzeitpartnerschaften sind heute möglich. Die moderne Kommunikation ermöglicht mobil-flexibles Arbeiten. Dank Covid-19 gewöhnen wir uns an neue Arbeitsformen, die wohl auch bleiben werden. Dies alles kommt auch berufstätigen Müttern und Vätern zugute.

Tatsache ist aber, dass die beruflichen Partnerschaften in der Schweiz noch immer stark männlich geprägt sind. Das hat beispielsweise Auswirkungen auf die Kommunikation und die Konfliktkultur. Man hat aber als Frau dank des wachsenden Bewusstseins für Genderfragen heute auch Vorteile und wird vielleicht einmal mehr als Referentin angefragt oder einmal mehr bewusst in eine engere Wahl genommen bei einer Auftragsvergabe. Auch in der Schiedsgerichtsbarkeit erlebe ich spürbare Bemühungen der Institutionen und der Nutzer, die Frauenquote in den Schiedsgerichten zu erhöhen.

In den letzten zehn Jahren hat sich die juristische Branche signifikant gewandelt, der Wettbewerb zwischen den Kanzleien ist gestiegen. Wie gehen Sie mit diesen sich stetig verändernden Bedingungen um?

Ich versuche, meinen Kunden beste Qualität zu bieten. Ich bin erreichbar und nehme mich den Anliegen an. Ich bin engagiert. Und ich verstecke mich nicht hinter "Disclaimern", sondern gebe eine konkrete Empfehlung ab. Bei aller Digitalisierung bleibt der Faktor Mensch das wichtigste Element.

Welche Veränderung würden Sie gerne in den Wirtschaftskanzleien sehen in den kommenden zehn Jahren?

Ich würde mich wirklich freuen, wenn noch mehr gute Frauen die Partnerschaft anstreben würden. Ich sehe so viele Talente und doch wagen nur wenige von ihnen den Sprung. Ich denke aber, dass wir auch den Männern flexiblere Modelle bieten sollten, denn auch diese wollen die familiäre Verantwortung verstärkt wahrnehmen. Eine höhere Flexibilität der Männer und der Abbau von Vorurteilen gegenüber aus Familiengründen teilzeitarbeitenden Männern wird auch positive Effekte auf die Frauen haben.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Inspiriert hat mich meine Studienkollegin und Freundin Melanie Ludescher, die sich stets weiterentwickelt, die mutig ist, Neues zu entdecken, sich fordert und dabei viel erreicht. Melanie war als Head Litigation bei Schindler Management Ltd., bevor sie intern ins Business (Insurance & Risk Management) gewechselt ist und diesen Bereich leitet und verantwortet. Sie setzt sich bei Schindler aktiv für gelebte Gleichberechtigung ein, unter anderem als Mitglied des Corporate Functions Women Network der Schindler Management Ltd. sowie vier Jahre lang als Mitglied des 2016 gegründeten Schindler Group Diversity Committees, und ist eine Juristin, die ein Vorbild ist. 

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Zürich, 23. März 2020. Das Interview führte Charlotte Rosenkranz.

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