Foto: Markus Senn

EGMR-Richterin, Prof. Dr. Helen Keller im Porträt

"Frau kann am richtigen Ort, zur richtigen Zeit kräftig zupacken und dann ihre Frau stellen."

Prof. Dr. Helen Keller, LL.M., Richterin am EGMR und Professorin an der Universität Zürich, über ihre Arbeit als Richterin am EGMR und die Freude an Lehre und Forschung im Völker- und Umweltrecht.

Frau Keller, Sie sind seit nun bald 9 Jahren Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg. Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag von Ihnen aus?

Jeder Tag ist anders: Mal habe ich vor allem Verhandlungen mit meinen Kolleginnen und Kollegen, manchmal eine Plénière (eine Vollversammlung aller Richterinnen und Richter), mal diskutiere ich die Vorbereitung eines Falles mit den Mitarbeitern der Kanzlei, mal sitze ich an einer dissenting opinion, recht häufig empfangen wir Besuchergruppen... aber am häufigsten bin ich am Lesen, seien es Urteilsentwürfe oder Akten.

Neben Ihrer vollamtlichen Tätigkeit als Richterin sind Sie auch noch Professorin für Völkerrecht an der Universität Zürich. Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Tätigkeit als Professorin?

Die Arbeit mit jungen begeisterungsfähigen Menschen, die vieles, das selbstverständlich erscheint, kritisch, manchmal auch keck hinterfragen.

Das Völkerrecht ist Ihr grosses Herzensthema. Was hat Sie an dieser Fachrichtung so fasziniert und bewogen, Ihre Habilitation dazu zu verfassen und Ihr Wissen in unzähligen Forschungsaufenthalten noch zu erweitern?

Viel Herzblut  habe ich für das Umweltrecht auf nationaler und internationaler Ebene vergossen (da habe ich meine Dissertation geschrieben). Ich bin überzeugt, dass wir nationale Strukturen überwinden müssen, wenn wir den Planet retten wollen. Das Völkerrecht bietet das richtige Instrumentarium dazu. Jetzt braucht es einfach noch den politischen Willen.

Wie wird man zur Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte?

Auf nationaler Ebene wollte ich nicht an einem Gericht arbeiten. Nach einem Praktikum am Bezirksgericht mit vier Scheidungen am Morgen und fünf am Nachmittag wusste ich, das ist nicht meine Welt. Dass ich nun Richterin am EGMR wurde, ist wohl meiner Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet zuzuschreiben. Wie jedes Land musste die Schweiz eine Frau vorschlagen. So landete ich auf dem Dreierticket und wurde schliesslich gewählt.

Haben Sie in diesem Zusammenhang einen konkreten Rat für junge Frauen, die sich ebenfalls einen solchen Werdegang vorstellen können?

Eine Karriere kann man eigentlich nicht planen. Aber frau kann am richtigen Ort, zur richtigen Zeit kräftig zupacken und dann ihre Frau stellen. So öffnen sich im Laufes des Lebens immer wieder interessante Türen.

Hatten Sie je Zweifel an dem Weg, den Sie eingeschlagen haben? Und falls ja, wie gingen Sie mit diesen um?

Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der nach vorne schaut. Wenn es schwierig wird, muss man eine gute Lösung finden, sich mit gewissen Dingen oder Menschen arrangieren.

Sie haben zwei Söhne, die Sie während Ihrer Anfangszeit als Professorin bekommen haben. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung und was würden Sie berufstätigen Müttern mit kleinen Kindern in dieser Phase gerne mit auf den Weg geben?

Das war wohl die strengste Zeit meines Lebens. Mein Mann hatte damals eine Professur im Ausland, ich war unter der Woche mit den beiden Kindern allein. Ich war häufig total erschöpft.

In dieser Zeit ist es wichtig, dass man sich gut unterstützen lässt durch die Mutter, die Schwiegermutter, durch eine Freundin oder eine Kinderfrau. Vieles kann man nicht delegieren (stillen, forschen, lehren...). Aber das, was man nicht selber machen muss, sollte man abgeben.

Ihre beiden Söhne und Ihr Mann leben in Zürich, sie selbst haben aber Residenzpflicht in Strasbourg. Was haben Sie Ihren Kindern damals erzählt, als Sie zur Richterin ernannt wurden und klar war, dass Sie künftig unter der Woche in Strasbourg sein werden?

Mein jüngerer Sohn war acht, als ich gewählt wurde. Er hat mich ganz entsetzt gefragt: "Mama, sehe ich Dich jetzt neun Jahre nicht mehr?" Ich habe ihn dann beruhigt und ihm erklärt, dass unter der Woche nun vor allem der Papa für ihn da sei, ich ihn aber immer am Wochenende und in den Ferien sehen würde.

Was macht die Vereinbarkeit von Ihrer Tätigkeit als Richterin und als Professorin mit ihrem Familienleben gemeinsam mit Ihrem Partner möglich?

Ich hatte das Glück, gesunde und unkomplizierte Kinder und einen Mann zu haben, der sich immer sehr für die Familie eingesetzt hat. Ihm war es auch wichtig, viel für die Jungs da zu sein.

Gibt es einen Gerichtsentscheid Ihres Gremiums, der die Gleichstellung von Mann und Frau betrifft, auf den Sie besonders stolz sind?

Schuler-Zgraggen gegen die Schweiz, ein Fall aus dem Sozialversicherungsrecht. Der Gerichtshof hielt die Annahme, dass alle Frauen nach der Geburt ihrer Kinder nur noch in einem Teilzeitpensum arbeiten würden, für konventionswidrig.

Wie war die Zusammenarbeit mit den anderen Richtern am Gerichtshof? Haben Sie kulturelle oder vielleicht sogar geschlechterspezifische Unterschiede bemerkt?

Oh, ja natürlich. Manches Stereotyp wird bestätigt...

Im Herbst dieses Jahr endet Ihre Amtszeit als Richterin am Gerichtshof. Was empfinden Sie mit Blick hierauf? Freude oder doch auch etwas Wehmut?

Ich gehe sehr gern an die Uni Zürich zurück. Ich fühle mich durch die neuen Jahre am EGMR sehr reich an Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen und Rechtssystemen. In vielen Fällen war es aber auch eine grosse Last "entscheiden zu müssen". Deshalb ist es sinnvoll, dass die Richterinnen und Richter das nicht allzu lange machen müssen. Nach neun Jahren ist es gut, wenn jemand mit frischer Kraft an die Fälle herangeht.

Was nehmen Sie aus dieser Zeit für Sie persönlich als Frau mit?

Frauen sind a priori keine besseren Richterinnen, aber sie argumentieren häufig anders.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Frau Dr. iur., Dr. h.c. Ursula Brunner, hat mich in ihrem unermüdlichen und selbstlosen Engagegment für das Umweltrecht die letzten 20 Jahre inspiriert. Leider ist sie im letzten Sommer verstorben.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Strasbourg/Zürich, 4. März 2020. Prof. Dr. Helen Keller hat das Interview schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Charlotte Rosenkranz.

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