
Dr. Rehana Harasgama im Porträt
"Meine Diversität nutze ich inzwischen als meine Superpower."
Dr. Rehana Harasgama, Partnerin bei Kellerhals Carrard in Zürich, über Kanzleiwechsel, unternehmerisches Denken, Chancengestaltung sowie ihr Stress- und Erwartungsmanagement gegenüber Klientinnen und Klienten – auch aus der Perspektive einer jungen Mutter.
Liebe Rehana, Du hast vor kurzem zu Kellerhals Carrard gewechselt und wirst dort als Datenschutzrechtspartnerin Dein Team aufbauen. Was hat Dich zu diesem Wechsel motiviert?
So ein Schritt soll sorgfältig überlegt sein. Bei mir war dieser Entscheid "two years in the making". Ich habe den Zeitpunkt sorgfältig geprüft – insbesondere, da ich kürzlich Mutter geworden bin. Es war für mich durchaus auch eine Möglichkeit, nach meinem Mutterschaftsurlaub zu Bär & Karrer zurückzukehren und dort meine Karriere fortzusetzen.
Dieser Wechsel entspricht aber ganz meinem Naturell: Ich war schon immer gut darin, eigene Chancen zu schaffen und Gelegenheiten beim Schopf zu packen. Dank meiner langjährigen Erfahrung hatte ich die Möglichkeit, bei Kellerhals Carrard direkt als Partnerin einzusteigen. Das war natürlich attraktiv, denn als Partnerin wird man auf dem Markt anders wahrgenommen als als Associate. Ausserdem kann man mehr Verantwortung übernehmen.
Die Möglichkeit, gemeinsam mit Prof. Dr. Cornelia Stengel und dem exzellenten Datenschutzteam bei Kellerhals Carrard zu arbeiten, war für mich das Zünglein an der Waage. Diese Gelegenheit konnte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Cornelia ist eine geschätzte Kollegin, die ebenfalls über eine umfassende Expertise im Datenschutzrecht verfügt. Alle in ihrem Team zeichnen sich durch hohe Motivation und exzellente Fähigkeiten aus, und ich erhalte umfassende Unterstützung nicht nur von meinem Team, das mir den Rücken freihält, wenn ich Zeit mit meiner Tochter verbringe, sondern von der gesamten Partnerschaft – they want to see our team succeed. Cornelia und das Team haben massgeblich zu meinem Wechsel zu Kellerhals Carrard beigetragen. Generell ist die Kanzlei für mich ein guter Fit: Auch die Werte entsprechen mir sehr. Die ersten drei Monate bei Kellerhals Carrard waren noch besser als erwartet. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und durfte schon sehr viel bewirken – das macht Spass!
Was fasziniert Dich am Datenschutzrecht und mit welchen Klienten und Fragestellungen hast Du tagtäglich zu tun?
Viele sagten zu mir: "Ein guter strategischer Entscheid – Daten und Technologie, ganz am Puls der Zeit." Ich muss zugeben, strategisch war meine Spezialisierung auf Datenschutzrecht nicht. Im Rahmen meiner Masterarbeit wollte ich über "das Recht auf Vergessenwerden" schreiben – und das lange vor dem Inkrafttreten des neuen Datenschutzgesetzes. Danach wurde ich gefragt, ob ich das Thema im Rahmen einer Dissertation vertiefen möchte. Dabei habe ich meine Leidenschaft für dieses Rechtsgebiet entdeckt: Es ist interdisziplinär und berührt zahlreiche Bereiche wie Recht, Technik, Compliance und Risikomanagement. Innovation und digitale Transformation prägen meinen Alltag und das ist spannend.
Meine Arbeit ist am Puls neuer Geschäftsmodelle und Technologien. In diesem Zusammenhang unterstütze ich Klientinnen und Klienten dabei, das Beste aus Daten herauszuholen und zugleich rechtskonform zu bleiben. Ein grosser Teil meiner Arbeit besteht aus Aufklärungsarbeit: Was darf man mit Daten überhaupt tun? Ein zentraler Punkt ist die Daten-Governance, sonst sind die erhobenen Daten im Zeitalter von KI gar nicht nutzbar.
Die Fragestellungen reichen vom Banalen bis zum Komplexen: von Cookie-Bannern und Datenschutzerklärungen über die Steuerung konzernweiter Datenflüsse und grosser IT-Outsourcing-Projekte bis hin zum Testen von Apps, dem Umgang mit Datenschutzverstössen und Due-Diligence-Prüfungen im Rahmen von Tech-Transaktionen. Das Gute ist, dass diese Fragen in jeder Branche wichtig sind, denn jede Branche wird digitaler. Ich starte jeden Tag, ohne zu wissen, mit wem und mit welchen Fragestellungen ich es zu tun haben werde – dies verleiht meinem beruflichen Alltag eine besondere Dynamik.
Du betonst, dass man sich Chancen selbst erarbeiten muss. Kannst Du ein oder zwei prägende Situationen aus Deiner Karriere schildern, in denen Du diese Haltung erfolgreich umgesetzt hast – und welche Strategien oder Einstellungen dabei für Dich entscheidend waren?
Ich möchte Euch drei Beispiele dafür geben. Das erste Beispiel betrifft meinen Einstieg bei Bär & Karrer. Ich habe mir diese Stelle quasi selbst geschaffen und aktiv gepitcht. Damals gab es dort niemanden, der sich mit Datenschutz befasste. Also schrieb ich einem Kollegen: "Braucht ihr nicht jemanden für Datenschutz?" Von da an nahm alles seinen Lauf (lacht).
Ich erkannte früh eine strategische Chance und bin Bär & Karrer auch sehr dankbar dafür, dass sie mir die Möglichkeit gaben, unmittelbar nach der Anwaltsprüfung das Datenschutzteam aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt stand das Datenschutzrecht noch nicht so sehr im Fokus wie heute. Mein Argument war stets: Die Geschäftsmodelle der führenden Unternehmen basieren auf Daten, und dieser Rechtsbereich würde zwangsläufig an Bedeutung gewinnen. In solchen Momenten kommt deutlich zum Vorschein, dass das unternehmerische Denken meiner Familie auch mich stark geprägt hat. Dieser Instinkt erwies sich als entscheidender Vorteil in dieser Aufbauphase. Ich bin stolz darauf, wie ich mit der Unterstützung engagierter Partnerinnen und Partner bei Bär & Karrer erfolgreich ein Datenschutzteam aufbauen konnte: "Mission accomplished." (schmunzelt).
Meine zweite Chance habe ich mir im vergangenen Jahr geschaffen, als ich für ein Secondment zu Bird & Bird nach London ging. Ich wollte von den Besten lernen und schrieb kurzerhand Ruth Boardman, die Global Head ist, an. Sie reagierte begeistert, und wir planten das Vorhaben, obwohl der Zeitpunkt für mich nicht ideal war: Ich war im Partner-Track bei Bär & Karrer und gerade erst umgezogen. Mein Mann sagte: "Das musst du machen – es ist London und eine einmalige Chance für dich." Für mich war es wichtig, diese Erfahrung zu machen. Also nahm ich die Zügel in die Hand und plante meinen Umzug nach London. Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, wollte ich zunächst absagen. Wieder sagte mein Mann zu mir: "Das schaffst du, es ist nicht weit und du hast dort Familie!" Bei vielen Entscheiden sind mein Mann und meine Familie meine grössten Cheerleader. Die Zeit in London war grossartig. Ich habe enorm viel gelernt, insbesondere von Ruth, die schon seit 30 Jahren in diesem Bereich tätig ist. Sie hat das Datenschutzteam bei Bird & Bird aufgebaut und ist für mich ein grosses Vorbild.
Über das dritte Beispiel haben wir schon gesprochen: Mein Wechsel zu Kellerhals Carrard. Dass ich über 12 Jahre (zunächst akademisch und dann praktisch) meine fundierte Expertise im Datenschutz hart erarbeitet habe, blieb im Markt nicht unbemerkt. Viele Angebote haben mein Interesse aber nicht geweckt, aber die Möglichkeit ein Team in einer noch etwas jüngeren Kanzlei aufzubauen und dabei gleichzeitig den weiteren Aufbau von Kellerhals Carrard prägend mitzugestalten, konnte ich nicht einfach als uninteressant abtun. Also habe ich lange an meinem Pitch gearbeitet und wurde bei der Partnerschaft mit dem Leitsatz "The Future is now" vorstellig. Es hat sich ausbezahlt.
Du bist in England geboren und als Kind in die Schweiz gezogen. Wie haben Dich die Erfahrungen, Dich in einer neuen Sprache und Umgebung zurechtzufinden, in Deiner persönlichen und beruflichen Entwicklung geprägt?
Meine Familie ist vor über 30 Jahren in die Schweiz gekommen. Damals war ich vier Jahre alt. Mein Vater wurde von ABB "geheadhuntet". Ursprünglich wollten meine Eltern nur zwei Jahre bleiben. Mehr als drei Jahrzehnte später sind wir immer noch hier (lacht). Für mich war die Umstellung erstaunlich unkompliziert. Meine Mutter schickte mich einmal pro Woche in die Spielgruppe, das genügte. Beim ersten Samichlaus sagte ich den "Sami-Niggi-Näggi"-Vers in perfektem Schweizerdeutsch auf. Die Schweizer Kultur ist ganz anders als in England. Gerade diese Mischung prägt mich bis heute. Wenn man mich fragt, habe ich einen "Swenglish"-Hintergrund. Ich fühle mich als Schweizerin, Engländerin und zugleich stark in Sri Lanka verwurzelt – ich bin international.
Diese Fähigkeit, mich rasch einzuleben, anzupassen und verschiedene Perspektiven zu verbinden, ist sowohl privat als auch beruflich von zentraler Bedeutung. Ich gehe Veränderungen offen an und bringe mich ein, wenn ich etwas bewirken kann. Diese Eigenschaft ist bei Kellerhals Carrard sehr willkommen. Die Kanzlei befindet sich im Wandel und bietet viel Gestaltungsspielraum.
Ein weiterer Wesenszug von mir ist, dass ich in einem neuen Umfeld schnell ankomme. Ich bin sehr einfühlsam und habe viel Verständnis und Empathie. Ich habe stets ein offenes Ohr und man kann jederzeit auf mich zukommen. Dabei muss ich den Dank auch meiner Mutter weitergeben, denn sie hat uns gelehrt, immer auf unsere Mitmenschen einzugehen und einfühlsam zu sein. Das ist mir bis heute wichtig und dafür nehme ich mir gerne Zeit. Ich sehe dies als eine Stärke, die aber in gewissen Situationen auch zur Herausforderung werden kann (lacht).
In Deinem männlich dominierten Praxisgebiet bist Du häufig die einzige Frau am Verhandlungstisch. Welche besonderen Herausforderungen, aber auch Chancen, sind Dir dabei begegnet?
Das Datenschutzrecht ist an sich nicht stark männerdominiert. Sobald es jedoch ins Technologierecht geht, sind deutlich mehr Männer vertreten. Ich kann bestätigen, dass ich oft die einzige braune Frau bin – zwei Merkmale, die sofort auffallen. Ich hatte das Glück, nur selten in Situationen zu geraten, in denen das eine offensichtliche Hürde war. Gleichwohl wird man mitunter weniger ernst genommen und muss sich mehr beweisen, nach dem Motto: Was hat eine so junge Frau schon zu sagen? Man kämpft darum, gehört zu werden. Das kam sowohl von Kolleginnen und Kollegen als auch Klientinnen und Klienten, die bisweilen auch die Bestätigung einer vorgesetzten Person einforderten. Meine Vorgesetzten – zum Beispiel auch Jvo Grundler (ehem. EY) und Corrado Rampini (Bär & Karrer) – haben mich jedoch stets ernst genommen. Sie hatten keinen Moment des Zweifels und antworteten stets: "What she said!" Bei Kellerhals Carrard habe ich ebenso starke Partnerinnen und Partner an meiner Seite, etwa Cornelia, die neben dem Datenschutzrecht im äusserst männerdominierten Fintech-Bereich arbeitet.
Wie viele Kolleginnen auch kann ich jedoch von zwei sehr stereotypen Erlebnissen berichten: An meinem ersten Tag in einer Kanzlei wurde bei der Vorstellungsrunde zunächst angenommen, ich sei Assistentin, dann Substitutin, und erst danach kam: "Ach so, Du bist Associate." Männern wird demgegenüber häufig automatisch eine höhere Position unterstellt. Heute nehme ich das mit einem Lächeln hin.
Früher habe ich vieles sehr ernst und persönlich genommen. Selbst wenn klar war, dass die anderen im Unrecht waren, habe ich mir lange Gedanken darüber gemacht. Heute hilft es mir zu wissen, dass man nicht alles zu ernst nehmen muss. Solche Situationen motivieren mich, noch besser zu werden. Zufriedene Klientinnen und Klienten sind lauter als unzufriedene Kolleginnen und Kollegen. Meine Diversität nutze ich inzwischen als "Superpower" (lacht). Entscheidend ist für mich weniger das Alter als vielmehr die Erfahrung. Mit der Zeit weiss man, dass man in seinem Fachgebiet gut ist. Man kennt seinen eigenen Wert – anders als direkt nach der Anwaltsprüfung, als man sich noch ständig beweisen musste. Die Erfahrung und das Wissen, sich die nötige Expertise selbst aufgebaut zu haben, sind sehr wertvoll. Zugleich motivieren mich mein Umfeld, meine Peers, Freundinnen und Freunde sowie meine Familie, dranzubleiben und Personen, die an mir zweifeln, das Gegenteil zu beweisen. Die Grundlage dafür sind gute Arbeit und viel Energie.
Du hast den Schweizer Verein für KI-Recht mitgegründet. Was war Deine Motivation dafür und welche Ziele verfolgt ihr mit dem Verein?
Das ist richtig. Es ist wieder ein Beispiel dafür, wie man Chancen aktiv schafft. Wir Gründerinnen kannten uns bereits und standen regelmässig im Austausch. Eines Tages setzten wir uns zusammen. Meine Kollegin hatte sich schon vor ein paar Jahren die Domain www.ki-recht.ch gesichert, um einen Blog aufzubauen. Gleichzeitig spürten wir jedoch den Bedarf nach einer (kanzleiunabhängigen) interdisziplinären Austauschplattform, auf der sich Praktiker:innen zu Themen rund um Künstliche Intelligenz austauschen können. Im Jahr 2023 gründeten wir schliesslich den Schweizer Verein für KI-Recht und organisierten das erste Forum KI-Recht im August 2024.
Das Forum liegt an der Schnittstelle von KI, Recht, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, und vereint unterschiedliche Profile. Ziel ist es, die Regulierung von KI aktiv mitzugestalten. Zugleich bietet sie Raum für möglichst breiten fachlichen Austausch und Networking. Es ist uns zwar schon ziemlich gut gelungen, ein interdisziplinäres Publikum zu vereinen. Im Hinblick auf die Regulierung von KI würden wir uns jedoch wünschen, dass sich mehr Leute aus Bundesbern als wichtige Stakeholder am Diskurs beteiligen. Mal schauen, ob uns das dieses Jahr noch besser gelingt.
Wir haben Fachgruppen zu verschiedenen Themenbereichen gebildet, darunter "KI & IP", "KI & Verwaltung" sowie "KI & Gesundheitswesen", was ein besonders dynamisches Feld ist. Wir haben das Forum bereits zweimal erfolgreich durchgeführt, und es fand grossen Anklang – in beiden Jahren durften wir ca. 150 Teilnehmer:innen aus den unterschiedlichsten Branchen begrüssen. Es hat uns im Organisationsteam viel Freude bereitet und wir blicken gespannt auf das nächste Jahr – mal sehen, wohin die Reise geht.
Welche konkreten Ratschläge würdest Du jungen Juristinnen und Juristen geben, die ihr eigenes berufliches Netzwerk aufbauen und pflegen möchten?
Mein Netzwerk speist sich vor allem aus meinem Doktorat, insbesondere aus einem interdisziplinären Projekt des Schweizerischen Nationalfonds. In dieser Zeit habe ich von zahlreichen Menschen Unterstützung erfahren. Sie förderten mich und nahmen mich auf ihrem Weg mit. Dieses Prinzip lebe ich weiter: Ich nehme meine Associates und Substitutinnen und Substituten sowie Studierenden überall mit und ermutige sie, sich aktiv an Diskussionen zu beteiligen.
Jemand hat mir mal gesagt: Das beste Networking entsteht oft, wenn man bei einer Veranstaltung eine herausragende Frage stellt, die nicht jede oder jeder beantworten kann. Wenig Aufwand, grosse Wirkung! Diese Methode gebe ich gerne weiter, denn sie funktioniert. In diesem Sinne gilt auch: Nutze jede sich bietende Gelegenheit. Einen Fall allein führen, obwohl Du Dich noch nicht bereit fühlst? Tu es! Eine Einladung als Speakerin? Sag zu! Keine Einladung? Dann schreib einen Blogbeitrag oder einen Artikel. Tu es! Fordere ein, was Dir zusteht. Wenn Du nicht eingeladen wirst, dann melde Dich proaktiv und gib dann alles. Proaktivität ist eben zentral, denn nichts wird einem auf dem Silbertablett serviert.
Gute Wegbegleiter:innen sind dabei enorm wichtig. Aber auch da: Sei proaktiv, sag was du möchtest und wie sie dir helfen können. Diversität und besondere Fähigkeiten können von Vorteil sein. Eine befreundete Professorin hielt beispielsweise einen Vortrag und löste gleichzeitig einen Zauberwürfel. Wenn Du auffallen kannst, dann tu es – und liefere starke Ergebnisse.
Welche persönlichen Strategien helfen Dir, Stress zu reduzieren und Deine Prioritäten im Beruf und in Deinem Privatleben klar zu setzen?
Für uns alle ist es herausfordernd, Hobbys, Kinder und Beruf zu vereinbaren – ob als Partner:in oder als Associate. Seit der Geburt unserer Tochter habe ich den grössten Lebenswandel erlebt: Früher konnte ich Nachtschichten einlegen; heute muss ich mich anders organisieren, denn ich will Zeit mit meiner Tochter verbringen. Von Natur aus bin ich sehr strukturiert. Ich muss nicht in die Berge fahren, um zur Ruhe zu kommen. Wenn ich organisiert bin und meine Wochenprioritäten kenne, geht es mir gut. Am Sonntag schaue ich in den Kalender, erstelle eine Liste mit allen Terminen und Aufgaben – von Klientinnen und Klienten bis hin zu Business Development – und markiere in Pink, was Priorität hat. Allein dieser Überblick hilft mir sehr.
Auch klare Grenzen sind mir wichtig. Ich habe meinen Job immer sehr ernst genommen, wusste aber ebenso genau, was ich nicht machen möchte. Meine Haltung war: "Take it or leave it." Es muss für mich Sinn ergeben und aufgehen. Wenn Kosten und Nutzen aus dem Gleichgewicht geraten, frage ich mich, ob sich zusätzlicher Stress lohnt – und setze nötigenfalls Grenzen, auch auf die Gefahr hin, jemanden zu enttäuschen.
Im Alltag setze ich auf praktische Entlastungen: Lieferdienste für Einkäufe, Meal Planning und feste Routinen sind für mich unverzichtbar. Mein Mann und ich teilen uns die Betreuung unserer Tochter zu gleichen Teilen auf. Zusätzlich unterstützen uns unsere Mütter. Ich habe die Tendenz, nur schwer abschalten zu können – die Kehrseite davon ist: Es können zu jeder Tages- und Nachtzeit gute Ideen entstehen. Jeden Morgen finde ich ungelesene E-Mails von mir selbst mit To-Dos und Gedanken, die ich nachts notiert habe (lacht). Das sind meine Strategien, um mit Stress umzugehen.
Ich traue mich heute auch, Dinge abzusagen – etwas, das ich früher nicht getan hätte. Heute haben mentale Gesundheit und Familie Vorrang.
Was bedeutet es für Dich, Grenzen zu setzen?
Ich setze Grenzen, indem ich meine eigenen Kapazitäten realistisch einschätze. Wenn ein Auftrag mit der Forderung "in drei Stunden" hereinkommt, kontere ich: "Ich unterstütze Dich gern – geht es auch bis morgen?" Häufig stösst das auf Verständnis. Ein Teil des Drucks kommt von den Klientinnen und Klienten, weshalb aktives Klienten- und Erwartungsmanagement wichtig ist. Selbst an freien Tagen bin ich erreichbar, allerdings mit der klaren Ansage: "Ich habe es gesehen, ich melde mich morgen." So setze ich Grenzen. Meine Devise lautet, mit Freundlichkeit konsequent zu bleiben – "kill them with your kindness" (schmunzelt). Ich begegne allen respektvoll und erwarte dasselbe auch umgekehrt. Früher gab es eine Person, deren Anrufe mich nervös machten. Auch dort half mir diese Strategie. Allgemein hilft mir Gelassenheit, meine Grenzen zu wahren.
Für die Abholzeiten meiner Tochter habe ich beispielsweise einen Blocker in meinem Kalender – in dieser Zeit bin ich nicht erreichbar. Bei Kellerhals Carrard ermutigen wir unsere Mitarbeiter:innen, neben der Arbeit ein eigenes Leben zu haben. Unterschiedliche Aktivitäten bringen neue Ideen und Perspektiven. Gleichzeitig kann man nicht alles unter einen Hut bringen: Im Moment hat Sport beispielsweise wenig Platz.
Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass Du sie als Vorbild für breaking.through nominieren würdest – und warum?
Die erste Gruppe umfasst Juristinnen, die bereits seit Längerem im Beruf sind. Dazu gehören Prof. Dr. Cornelia Stengel, Nicole Beranek Zanon, Martina Arioli, Prof. Dr. Isabelle Wildhaber (zu ihrem Interview mit breaking.through Schweiz), Carmen de la Cruz und Susanne Schreiber.
Zu meinen Peers zählen meine Kolleginnen des Vereins für KI-Recht darunter Noémi Ziegler und Anne-Sophie Morand sowie weitere Kolleginnen wie Dr. Sandra Marmy-Brändli, Prof. Dr. Aurélia Tamo-Larrieux, Paula Zimmermann und Prof. Dr. Rika Koch.
Was meine Vorbilder und Peers alle gemeinsam haben: Sie haben eingefordert, was sie verdient haben. Und das habe ich von ihnen gelernt. Wenn man das macht, öffnet man auch anderen die Augen für neue Chancen.
Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast!
Zürich, 5. November 2025. Das Interview führten Florence Jaeger, LL.M. und Dr. Noëmie Beck-Schär.
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