Nadja Jaisli Kull, LL.M. im Porträt

"Gib nicht auf, sei hartnäckig und behalte die Freude an der Sache."

Nadja Jaisli Kull, LL.M., Partnerin bei Bär & Karrer, über ihre Arbeit als Schiedsrichterin und die zentrale Bedeutung von Flexibilität und Überzeugung, um Karriere und Familie in der Wirtschaftskanzlei zu vereinbaren.

Liebe Nadja, Du bist seit 2014 Partnerin bei Bär & Karrer. Wolltest Du schon immer Anwältin und Partnerin in einer grossen Wirtschaftskanzlei werden?

Ursprünglich wollte ich Journalistin werden, aber vorher noch etwas "Richtiges" studieren. Während des Jus-Studiums absolvierte ich dann ein Praktikum bei einer Wirtschaftskanzlei und fand so den Einstieg in diese Welt. In meiner aktuellen Tätigkeit als Prozessanwältin sind Sprachgewandtheit und Schreibstil sowie eine schnelle Auffassungsgabe enorm wichtig. Insofern hat meine heutige Tätigkeit auch Parallelen zur ursprünglich angestrebten.

 

Als junge Anwältin war für mich klar, dass der Weg zur Partnerin nur dann erstrebenswert ist, wenn er sich mit Familie vereinbaren lässt. Ich sprach dieses Thema damals in meinem Bewerbungsinterview an (d.h. Jahre vor einem konkreten Kinderwunsch), was sich nicht negativ auf meine Karriere ausgewirkt hat.

Neben Prozessen vor Schweizer Gerichten führst Du internationale Schiedsverfahren und bist als Schiedsrichterin tätig. Was hat Dich zur Schiedsgerichtsbarkeit geführt?

Im erwähnten Praktikum bei einer Zürcher Wirtschaftskanzlei hat mich ein Partner im Prozessrecht-Team mit seiner Passion für das Prozessieren begeistert. Ich wollte ebenfalls Prozessanwältin werden und absolvierte deshalb nach dem Studium mein Praktikumsjahr für die Anwaltsprüfung am Bezirksgericht Horgen. Damals war die Schiedsgerichtsbarkeit für mich Neuland - Moot Courts waren noch nicht so verbreitet wie heute. Mit dem Wunsch, im Bereich des Prozessrechts zu arbeiten, trat ich nach der Anwaltsprüfung eine Stelle bei Bär & Karrer an, wo ich von Anfang an stark in Schiedsfälle involviert wurde. So begann ich, mich im Bereich der Schiedsgerichtsbarkeit zu spezialisieren. Heute bin ich überaus glücklich mit der Kombination von Schiedsfällen (als Parteivertreterin sowie Schiedsrichterin) und Verfahren vor staatlichen Gerichten.

Was gefällt Dir an Deiner Rolle als Schiedsrichterin besonders?

Mir gefällt besonders, dass der Schiedsrichterin die faktischen und rechtlichen Details einer Auseinandersetzung präsentiert werden. Dabei werden sehr spannende, vertiefte Einblicke in Branchen, Abläufe und Ereignisse gewährt, welche einem sonst verschlossen wären. Zudem gefallen mir die internationalen Aspekte der Schiedsgerichtsbarkeit und die Interaktion mit den Parteien, MitschiedsrichterInnen, ZeugInnen, ExpertInnen und Schiedsinstitutionen. Dies alles verlangt vielseitige Fähigkeiten, wodurch ein ständiger Lernprozess entsteht. Es ist für mich ein grosses Privileg und eine Freude, als Schiedsrichterin tätig sein zu dürfen.

In Who’s Who Legal 2019 zeigen sich Mandanten beeindruckt von Deiner "business understanding, expertise in ICC procedures and her excellent legal and social skills". Sind ein solches wirtschaftliches Verständnis sowie ausgezeichnete fachliche und soziale Kompetenzen die Schlüsselfähigkeiten, um es in einer Wirtschaftskanzlei bis an die Spitze zu schaffen?

Ja, ich glaube als Wirtschaftsanwältin ist neben der ausgezeichneten fachlichen Kompetenz essentiell, das Geschäft, die Ziele und die Anliegen der Klienten zu verstehen. Nebst der vorausgesetzten fachlichen Kompetenz werden auch starke soziale Kompetenzen verlangt. Zudem ist als Partnerin einer Wirtschaftskanzlei Unternehmergeist gefragt, sowie - gerade in der heutigen Zeit - die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln und zukunftsorientiert zu denken. Kein Anwalt kann alle erwünschten Fähigkeiten gleichermassen abdecken und daher hat es in der Partnerschaft einer Wirtschaftskanzlei auch Platz für unterschiedliche Anwalts-Typen. Für mich ist aber das Bewusstsein zentral, dass man in unserem Beruf nie ausgelernt hat und sich nicht auf vergangenen Erfolgen ausruhen sollte.

Gab es für Dich Vorbilder oder Mentorinnen oder Mentoren, die Dich auf Deinem Karriereweg begleitet oder gefördert haben?

Prägend für meinen Karriereweg war zunächst sicher meine Mutter, die mir in einer selbstverständlichen Art und Weise vorlebte, als Frau Karriere zu machen. Als Anwältin hatte ich dann das Glück, von meinem damaligen Vorgesetzten Daniel Hochstrasser stets darin bestärkt zu werden, Chancen und Aufgaben anzupacken, die ich mir selber nicht ohne Weiteres zugetraut hätte. Entscheidend für meinen Weg zur Partnerschaft war zudem, dass mir nach dem Mutterschaftsurlaub (damals in reduziertem Pensum) weiterhin "high profile"-Mandate anvertraut wurden. Dazu musste ich mich zweckmässig organisieren, wobei mir auch die nötige Flexibilität entgegengebracht wurde, um meine Karriere mit zwei Kindern weiterzuverfolgen.

 

Heute schätze ich auch besonders den Austausch mit Kolleginnen in anderen Anwaltskanzleien und Unternehmensjuristinnen als Begleiterinnen auf meinem Karriereweg. Es ist wohltuend zu beobachten, dass diverse Stile und Wege zu Erfolg führen können. Inspirierend ist für mich zudem festzustellen, dass immer mehr Frauen in Top-Positionen in unterschiedlichen Branchen zu finden sind.

 

Ich hoffe, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen junge Frauen am Anfang ihres Karrierewegs ebenfalls unterstützen und motivieren kann. Eine solche Unterstützung über die Generationen hinweg scheint mir sehr wichtig.

Du hast während Deiner Zeit als Associate bei Bär & Karrer Dein erstes Kind bekommen, hast dann Dein Arbeitspensum reduziert und bist schliesslich mit einem 80%-Pensum Partnerin geworden. War diese Beförderung bei Teilzeit damals eher aussergewöhnlich oder vielmehr selbstverständlich?

Weder noch. Ich wurde an meiner Leistung gemessen. Diese musste stimmen, wie bei allen anderen auch. Insofern ist der Begriff "Teilzeit" unpassend, da letztlich die Mandatsarbeit zum gegebenen Termin erledigt werden muss. Dadurch musste ich mich so organisieren, dass dringende Arbeiten auch an einem "freien" Tag erledigt werden können. Mein damaliges Pensum erlaubte mir aber, mich flexibler zu organisieren, was für mich essentiell war. Zudem konnte ich mitentscheiden, zu welchem Zeitpunkt ich mich der (Non-Equity und später der Equity) Partnerwahl stellen will, sodass ich im Auswahlverfahren meine volle Leistung zeigen konnte.

 

Diese Art von Flexibilität ist aus meiner Sicht zentral für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Es ist wichtig, dass in einer Kanzlei Modelle zur Verfügung gestellt werden, die langfristig funktionieren. Dazu gehört auch, dass die Wahl zum Partner zeitlich flexibel mitbestimmt werden kann. Denn oft ist es schwierig oder auch gar nicht erstrebenswert, direkt nach der Geburt eines Babys die gleiche Anzahl billable hours zu erzielen wie zuvor und sich gleichzeitig noch einen business case aufzubauen. Mir wurde diese Flexibilität von der Kanzlei entgegengebracht, wobei ich selber ebenfalls stets flexibel und engagiert war.

Inzwischen hast Du zwei Kinder. Hast Du die Vereinbarkeit von Beruf und Familie jemals als Hindernis für Deine Karriere gesehen?

Als Hindernis sah ich dies nicht, da mir von aussen und insbesondere von meinem Arbeitgeber wie erwähnt keine Steine in den Weg gelegt wurden. Es ist jedoch trotzdem herausfordernd und oft auch anstrengend, Beruf und Familie in jeder Situation zu vereinbaren. Dies erfordert ein stetes Abwägen und Setzen von Prioritäten. Als Partnerin ist es neben der Mandatsarbeit essentiell, eine eigene Praxis aufzubauen, wozu auch viele Business Development Aktivitäten sowie der Aufbau eines eigenen Teams gehören.

 

Mein zweites Kind hatte ich recht kurz nach der Aufnahme in die Partnerschaft. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie empfand ich in dieser Situation als Partnerin schwieriger als beim ersten Kind und in der Position eines Associates. Ich betreute während meines Mutterschaftsurlaubs einige Mandate weiter, die ich nicht verlieren wollte. Dies war anstrengend, aber dank eines hervorragenden Teams von Associates möglich.

 

Die Herausforderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft im Übrigen nicht nur Frauen, sondern zunehmend auch Männer. Es war für mich hilfreich, Situationen ausserordentlicher Belastung mit Humor zu begegnen und mir auch ins Bewusstsein zu rufen, dass es vielen berufstätigen Eltern gleich ergeht. Gleichzeitig darf die Belastung aber nicht über lange Strecken zu hoch sein. Dies erforderte ein Setup, das für die ganze Familie stimmt und funktioniert, beispielsweise durch Hilfe im Haushalt und in der Kinderbetreuung. Wir sind keine Super-Women und Super-Men und der Tag hat für uns alle nur 24 Stunden. Insbesondere für Frauen scheint mir für die Vereinbarkeitsfrage wichtig, dass nicht die gesamte familiäre Verantwortung auf ihnen allein lastet.

Auch Männer möchten zunehmend in Teilzeit arbeiten, um Zeit für ihre Kinder zu haben oder anderen persönlichen Interessen nachzugehen. Beobachtest Du diese Veränderung auch in Deiner Kanzlei?

Ja, ich sehe dies auch bei uns und finde es eine wichtige Entwicklung, da die Vereinbarkeitsfrage nicht mehr ausschliesslich die Frauen betrifft. Wenn Männer sich familiär engagieren, erleichtert dies auch ihren Frauen, beruflich weiterzukommen. Eine wichtige Voraussetzung für meine bisherige Karriere war übrigens, dass mein Mann und ich uns die Verantwortung und Aufgaben zu Hause gleichmässig aufteilen.  

Aus Deiner Perspektive als Partnerin: Welche flexiblen Arbeitsmodelle (wie Teilzeitarbeit, Home Office etc.) sind in einer Grosskanzlei umsetzbar, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die allgemeine Mitarbeiterzufriedenheit zu fördern?

Eine Karriere in einer führenden Kanzlei wird auch in Zukunft ein überdurchschnittliches Engagement erfordern. Deshalb halte ich ein Arbeitspensum von weniger als 80% langfristig für unrealistisch. Es kann aber durchaus eine vorübergehende Lösung sein, solange die Kinder sehr klein sind. Ehrlicherweise fordert aber jedes reduzierte Pensum einen weit höheren Einsatz. Für mich stimmte die "Rechnung" trotzdem, weil mir der Alltag mit meinen Kindern unglaublich viel bedeutet, selbst wenn er sich nicht immer gleich gut umsetzen lässt. Ich denke zudem, dass der verlangte überdurchschnittliche Einsatz auch in flexiblen Arbeitsmodellen wie beispielsweise Home Office möglich ist und dass diese in Grosskanzleien zunehmen werden, auch für Männer.

Die Mandantenstrukturen, insbesondere auf Entscheidungsebene, sind noch immer vorwiegend männlich geprägt. Wie gehst Du als Frau damit um?

Ich versuche, authentisch zu bleiben. Gleichzeitig habe ich aber gewisse, für den beruflichen Erfolg hilfreiche Verhaltensweisen von männlichen Kollegen gelernt. Dazu gehört beispielsweise, nicht zu bescheiden zu sein und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Zudem empfehle ich jungen Frauen, ihre beruflichen Ziele proaktiv zum Ausdruck zu bringen und nicht abzuwarten, bis andere auf sie aufmerksam werden. Dies kann zum Beispiel bedeuten, sich aktiv um Speaking Engagements zu bemühen anstatt auf Einladungen zu warten. Oder auch direkt auf Personen im beruflichen Umfeld zuzugehen, welche man gerne kennenlernen möchte.

Hast Du über die Zeit als Associate und Partnerin eine Veränderung im Frauenanteil bei Mandanten beobachtet und wenn ja, in welchen Rollen tauchen Frauen auf?

Ja, gerade in Rechtsabteilungen von Grossunternehmen sind zentrale Positionen, inkl. die des General Counsel, vermehrt mit Frauen besetzt. Dies freut mich sehr, da ich die Zusammenarbeit und das Networking mit diesen spannenden Frauen ausserordentlich schätze.

Bär & Karrer ist Mitglied bei Advance und bei ArbitralWomen. Welche Vorteile bringen solche Mitgliedschaften für die Kanzlei und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Wir setzen mit solchen Mitgliedschaften ein Zeichen als Kanzlei, dass uns die Anliegen unserer Mitarbeiterinnen wichtig sind. Als Kanzlei wollen wir die grössten Talente langfristig als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen. Wir versuchen mit diversen Massnahmen, dieses Ziel zu erreichen. Ich persönlich finde den Austausch mit engagierten Frauen, z.B. über die erwähnten Organisationen, sehr inspirierend und für das eigene Netzwerk wertvoll.

Was muss sich Deiner Meinung nach ändern, damit der Weg nach ganz oben, sei es als Partnerin in einer Kanzlei oder Führungsperson in anderen Berufsfeldern, auch für Frauen selbstverständlich wird?

Es besteht weiterhin grosses Verbesserungspotential auf dem Weg zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Schon allein das Schul- und Betreuungssystem in der Schweiz erfordert eine komplizierte zusätzliche Organisation. In unserem Beruf haben wir zum Glück das Privileg, uns die benötigte Zusatzhilfe leisten zu können.

 

Zudem braucht es möglichst viele weibliche Vorbilder, die in Führungspositionen unterschiedliche Lebens- und Karrieremodelle vorleben. Eine gewisse Selbstverständlichkeit lässt sich in meinem Umfeld bereits erkennen - viele Mütter der Schulfreundinnen und -freunde meiner Kinder sind beruflich ebenfalls sehr engagiert in tollen Berufen in verschiedensten Bereichen. Wir hoffen natürlich, dass sich dies auch positiv auf das Selbstverständnis unserer Kinder auswirkt. Ich erlebe heute keinerlei Anfeindungen für den von mir gewählten Weg - dies wohl im Unterschied noch zur Generation unserer Mütter. Trotzdem besteht weiterhin grosses Entwicklungspotential.

Welchen Rat würdest Du jungen Juristinnen geben, die Karriere in einer Wirtschaftskanzlei machen möchten?

Engagiere dich und gib dein Bestes. Vernetze Dich mit Deiner beruflichen Generation im In- und Ausland. Gehe Deinen privaten und beruflichen Weg mit Überzeugung. Bleib unverkrampft - nicht alle Türen öffnen sich, nicht alles klappt auf Anhieb. Gib nicht auf, sei hartnäckig und behalte die Freude an der Sache.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Aus meinem nächsten Umfeld: Tina Wüstemann von Bär & Karrer, weil sie vielen den Weg geebnet hat.

 

Eine inspirierende Inhouse-Counsel: Jennifer Picenoni, General Counsel von Lindt & Sprüngli, weil sie ihr Team beeindruckend organisiert und führt.

 

Eine junge Partnerin: Anna Kozmenko von Schellenberg Wittmer, weil sie als sehr junge ausländische Anwältin Partnerin in einer Schweizer Grosskanzlei wurde.

Zürich, 29. Dezember 2019. Nadja Jaisli Kull hat das Interview schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Nadine Pfiffner.

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