Tina Wüstemann, LL.M. im Porträt

"Menschen haben mich schon immer mehr interessiert als Deals."

Tina Wüstemann, LL.M., Partnerin bei Bär & Karrer, über ihren Weg zur Beratung von Privatklienten, den Aufbau eines Business Case und die Bedeutung von Auslandserfahrungen.

Frau Wüstemann, Sie sind seit 25 Jahren Anwältin und immer noch mit vollem Elan bei Ihrem Beruf. Wie haben Sie sich diese Begeisterung für Ihr Fach und Ihre tägliche Arbeit erhalten?

 

Primär wohl, weil ich meinen Beruf wahnsinnig gerne ausübe. Ich schätze die Vielseitigkeit und Komplexität der Mandate und die unternehmerische Selbständigkeit, welche ich als Partnerin bei Bär & Karrer habe. Zentral ist zudem, dass wir ein sehr gutes Arbeitsklima haben - sowohl in der Partnerschaft wie in meinem Team und Bär & Karrer generell.

Sie haben anfangs lange im Bereich der Prozessführung vor staatlichen und Schiedsgerichten gearbeitet. Wie kamen Sie letztlich zu Ihrer heutigen Ausrichtung mit Privatklienten und Beratung in Nachlass- und Vermögensfragen?

Da waren verschiedene Faktoren entscheidend: einerseits, dass ich als junge Juristin - noch bevor ich das Schweizer Anwaltspatent erworben habe -  ein Jahr in einer Wirtschaftskanzlei in Sydney, Australien als Paralegal gearbeitet hatte. Ich wollte damals nicht nur meine Englisch Kenntnisse perfektionieren, sondern mehr über das Common Law erfahren und internationale Erfahrung sammeln. Im Gegensatz zu heute, wo es für Wirtschaftsanwältinnen üblich ist, ein Secondment in einer Kanzlei im Ausland oder einen LL.M in den USA oder UK zu absolvieren, war ich damals noch eine Ausnahme. Nach der Rückkehr in die Schweiz und Erwerb des Anwaltspatentes sowie einigen Jahren Erfahrung in einer Wirtschaftskanzlei in der Schweiz, zog es mich wieder in die Ferne: An der NYU in New York absolvierte ich meinen LL.M. mit Schwerpunkt Litigation und Trusts and Estates.

Ich wechselte nach meinem New York Aufenthalt – vor mittlerweile 21 Jahren – als Associate zu Bär & Karrer ins Litigation Department, betreute aber gleichzeitig aufgrund meiner Auslandserfahrung vermehrt auch internationale Privatkunden, Family Offices und vermögende Unternehmer/Innen. Bär & Karrer hatte damals schon eine gute Privatkundenabteilung. Zudem konnte ich auch Klienten in grenzüberschreitenden Erbrechtsstreitigkeiten vertreten und war somit immer noch im Bereich Prozessführung tätig, was mir sehr gelegen kam. Als es auf die Partnerschaft zuging, musste ich mich dann entscheiden, ob ich eher auf Litigation oder Privatkunden fokussieren möchte. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden, da ich hier aufgrund meiner Erfahrung den besseren Business Case für mich sah und zudem immer noch prozessieren konnte, was sich im Nachhinein als richtig erwiesen hat.

Menschen haben mich immer schon mehr als Deals interessiert und aus juristischer Sicht war das Bestätigungsfeld im Privatkundenbereich extrem vielseitig und breit. Das Rechtsgebiet umfasst bspw. internationales Privatrecht, Erb- und Familienrecht, Steuerrecht, Gesellschaftsrecht, gemeinnützige Stiftungen und allgemeine Governance Fragen, wie auch die Vertretung von Privatkunden und deren Familien in internationalen Erb- und Truststreitigkeiten. Dies verlangt ein breites Fachwissen und jeder Fall ist anders, was die Arbeit extrem spannend und abwechslungsreicht macht. Zudem braucht es Empathie und Verständnis für die Probleme der von uns betreuten Familien und deren Unternehmen.

Vor 20 Jahren genoss die Privatkunden Abteilung in vielen Kanzleien noch ein eher stiefmütterliches Dasein neben der Corporate oder Litigation Abteilung. Heute bauen die meisten Schweizer Kanzleien diese Practice Group aus, da sie das enorme Potential sehen. Die Bär & Karrer Privatkundenabteilung, welche ich leite, umfasst heute über 30 Anwälte und wird von den wichtigsten Ratingagenturen unter Tier 1 aufgeführt, worauf wir stolz sind. 

Als Sie als Anwältin anfingen, gab es (fast) keine Partnerinnen in den Kanzleien. Sie sind aber dennoch Ihren Weg gegangen und wurden nach sechs Jahren Partnerin. Was hat Sie motiviert?

Ich habe mich damals als Associate sehr privilegiert und geehrt gefühlt, in einer so tollen Kanzlei wie Bär & Karrer arbeiten zu dürfen. Als mir dann gesagt wurde, dass ich auf dem Partner Track sei, war das eine Überraschung für mich. Unsere Tochter war damals dreijährig und es gab noch keine Partnerinnen bei Bär & Karrer und schon gar nicht Teilzeit (ich arbeitete damals 80%).

Der Schritt zur Equity Partnerin dauerte dann länger und war beschwerlich. Ich musste mit ansehen, wie männliche Kollegen an mir vorbeizogen. Ich bin eine Kämpferin und ich sah nicht ein, wieso es nicht klappen sollte. Wenn ich qualitativ und quantitativ die gleiche Arbeit und das gleiche Engagement zeigte wie meine männlichen Kollegen, damals schon mit zwei Kindern, konnte es doch nicht anders sein. Hinzu kam die positive Resonanz der Klienten. Ich konnte mir mit der Zeit ein anständiges Klientenportfolio aufbauen, was die Partnerschaft dann schliesslich überzeugte, mich zur Equity Partnerin zu machen. Bis zur Equity Partnerschaft habe ich 80% gearbeitet, danach 100%. Zu diesem Zeitpunkt war unser Sohn fünf Jahre alt und unsere Tochter acht Jahre alt. Heute haben wir einige Equity Partnerinnen bei Bär & Karrer, welche Kleinkinder haben und Teilzeit arbeiten, was damals noch nicht möglich war.

Um über die Schwelle der Equity-Partnerschaft zu kommen, mussten Sie sich einen sogenannten Business Case, also ein Geschäftsplan für die Mandantenakquisition aufbauen. Wie haben Sie diese Aufgabe angepackt und wie sind Sie mit den sich dabei stellenden Herausforderungen umgegangen?

Nach der Aufnahme in die Non-Equity Partnerschaft wurde es schwierig, denn ich hatte zu wenig eigene Mandate und zwei Kleinkinder zu Hause, was mir nicht genügend Zeit liess, meinen Business Case aufzubauen. Stattdessen habe ich darauf vertraut, dass die Mandate dann schon auf meinem Schreibtisch landen würden, wenn ich mal Partnerin bin. Das war im Nachhinein sicher ein Fehler. Ich hatte kein Netzwerk, war in keinem Verein und habe mich bis zur Partnerschaft nur damit beschäftigt, die Mandate auf meinem Schreibtisch abzuarbeiten (lacht).

Es ging dann einige Zeit, bis ich begriff, dass ich etwas unternehmen musste, zumal ich den Sprung in die Equity Partnerschaft schaffen wollte. Ich begann deshalb an Konferenzen zu sprechen, Fachartikel zu schreiben und Korrespondenzanwälte im Ausland zu besuchen, eine wichtige Mandatsquelle im Privatkundengeschäft. Es dauerte ca. drei bis fünf Jahre, bis ich mir das notwendige Netzwerk für die Mandantenakquisition aufgebaut hatte. Geholfen hat dabei sicher auch, dass ich von Natur aus ein "social animal " bin und es mir deshalb nicht allzu schwer viel, die notwendigen Kontakte zu knüpfen.

Sie waren bereits Mutter, als Sie den Sprung in die Equity-Partnerschaft machten. Ihr Mann war ebenfalls berufstätig. Wie haben Sie als Familie diese verschiedenen Aufgaben gemeistert? 

Wir hatten seit der Geburt des zweiten Kindes immer eine Nanny, die auch heute nach über 14 Jahren noch bei uns ist, jetzt zu 60% als Haushalthilfe. Ich hatte immer Unterstützung von meinem Mann, der als selbstständiger Unternehmer ebenfalls ein grosses Pensum hat. Er hat mich nicht nur mental unterstützt, sondern sich zu Hause eingebracht und auf die Kinder geschaut, wenn ich bspw. geschäftlich am Abend weg war. Meine Mutter, die nebenan wohnt, hat sich ebenfalls sehr um die Kinder gekümmert. Das hat bis heute funktioniert, ein grosses Glück!

Gab es für Sie als berufstätige Mutter auch einmal negative Erfahrungen und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Ja, das gab es tatsächlich. Als junge Anwältin habe ich erlebt, dass sich Klienten, wenn ein männlicher Kollege mit im Raum war, primär mit meinem männlichen Kollegen unterhalten haben. Ich wurde zudem häufig als Assistentin angesprochen. Mein Junge wurde vor Jahren im Kindergarten von einem Mitschüler gehänselt, er habe ja gar keine richtige Mutter, die sich um ihn kümmere, sondern nur eine Nanny. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Heute sind meine Kinder wohl stolz und finden meinen Beruf cool. Sie sind jetzt Teenager und ich versuche, so oft ich kann, mit ihnen Zeit zu verbringen, da ich das Gefühl habe, sie brauchen uns jetzt fast noch mehr als früher, als sie noch Kleinkinder waren. Für meine Kinder ist es selbstverständlich, dass mein Mann und ich arbeiten, was nicht erstaunt, wenn man bedenkt, dass heute ca. 70% aller Frauen in der Schweiz berufstätig sind. 

Um Partner/-in in einer Wirtschaftskanzlei zu werden, sind exzellente fachliche Kenntnisse unabdinglich. Was braucht es aus Ihrer Erfahrung noch?

Fingerspitzengefühl, sich zu positionieren und gleichzeitig den Kollegen/-innen nicht auf die Füsse zu treten. Man muss Mitarbeiter führen können und Management Qualitäten haben. In der Partnerschaft ist Kollegialität wichtig und man sollte offen und transparent seine Position vertreten und sich nicht scheuen, auch mal Unangenehmes zur Sprache zu bringen.

Was würden Sie jungen Frauen heute raten, die den Weg in die Partnerschaft in einer Wirtschaftskanzlei anstreben und auch Familie haben möchten?

Sich zutrauen, dass sie das schaffen und sich Zeit lassen und nicht alles auf einmal wollen. Auch wenn es vielleicht am Ende zur Partnerschaft nicht reichen sollte, sind einige Jahre Erfahrung in einer guten Wirtschaftskanzlei ein super Sprungbrett für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Es kann zudem helfen, schon einige Jahre Berufserfahrung zu haben, bevor man Kinder hat, doch gibt es kein Rezept und jeder Fall ist anders gelagert. Wichtig ist sicher auch, die notwendige Unterstützung des Lebenspartners zu haben. Ich selbst versuche, jüngere Kolleginnen als Mentorin auf dem Weg in die Partnerschaft zu unterstützen und ihnen meine Erfahrungen auf den Weg mitzugeben.

Und wie kann man die Männer dabei einbinden?

Dies ist heute zumindest bei uns in der Kanzlei kein Thema. Viele jüngere männliche Kollegen sehen das Thema ähnlich wie wir Frauen und haben oft Lebenspartnerinnen, welche ebenfalls berufstätig sind. Sie engagieren sich ebenso wie die "working mums" für ihre Kinder und bringen sich zu Hause ein.

Denken Sie, dass sich auch die Kanzleien hierfür an die veränderten Bedürfnisse der jungen Juristinnen und Juristen anpassen müssten, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben?

Absolut und dies wird bei uns in der Kanzlei auch gemacht. Bär & Karrer ermöglicht sowohl non-Equity wie Equity Partnern Teilzeit zu arbeiten und es steht eine Kinderkrippe im eigenen Haus zur Verfügung. Als Arbeitgeber ist man heute nur glaubwürdig und kann neue Talente anwerben, wenn man gender equality auch tatsächlich lebt.

Mittlerweile gibt es verschiedenste Initiativen, Workshops und Veranstaltungen, die Frauen für ihre Karrieren stärken und ihnen dabei helfen sollen, ihre Netzwerke zu verbessern. Wie stehen Sie zu diesem Ansatz?

Ich finde dies sehr gut und wäre froh gewesen, es hätte ähnliche Angebot schon zu meiner Zeit gegeben.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?
 

Ines Poeschl, Partnerin bei Kellerhals Rechtsanwälte (M&A) und Verwaltungsrätin bei mehreren grossen Unternehmen.

Ich habe Ines als junge Anwältin kennen gelernt, als wir in der gleichen Kanzlei arbeiteten. Ines war damals alleinerziehende Mutter und hat mit unglaublichem Elan und Effort eine beeindruckende Karriere hingelegt. Sie engagiert sich zudem wie ich pro bono in mehreren gemeinnützigen Organisationen.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Zürich, 12. Juli 2019. Das Interview führte Charlotte Rosenkranz.

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