Major Dr. Christiane Lentjes Meili

Major Dr. Christiane Lentjes Meili im Porträt

 

„Wenn die eigene Arbeit gewisse Spuren hinterlässt und Positives bewirkt, ist das ein befriedigendes Gefühl.“

Major Dr. Christiane Lentjes Meili, Chefin der Kriminalpolizei der Kantonspolizei Zürich, über beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst, wichtige Führungsqualitäten und Vorteile des Jobsharings.

Frau Dr. Lentjes Meili, Sie waren lange Bezirksanwältin, später juristische Sekretärin und stellvertretende Generalsekretärin der Zürcher Direktion der Justiz und des Innern und sind seit über zehn Jahren Chefin der Kriminalpolizei der Kantonspolizei Zürich. Wollten Sie immer schon in diesem Bereich tätig sein?

Nein gar nicht. Ich habe mich nach der Matura für das Jus-Studium entschieden, weil ich den Umgang mit der Sprache sehr mochte und davon überzeugt war, dass mir ein Jus-Studium sehr viele Möglichkeiten eröffnet. Ich habe aber nie eine bestimmte Funktion oder Position angestrebt. Nach dem Studium war mir lediglich klar, dass es mich nicht Richtung Advokatur zieht. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, mich einseitig für die Interessen von Klienten einzusetzen, unabhängig davon, ob sie nach meiner eigenen Einschätzung im Recht sind oder nicht. Im öffentlichen Dienst habe ich mich demgegenüber von Anfang an sehr wohl gefühlt.

In meiner Funktion als Bezirksanwältin, die mir der damalige erste Staatsanwalt übrigens nicht so recht zutrauen wollte, hatte ich die Kantonspolizei zwar als Arbeitspartnerin kennengelernt; über einen Posten bei der Polizei habe ich aber nie näher nachgedacht. Die Gelegenheit zur Bewerbung eröffnete sich mir eher unverhofft, aber in einem Zeitpunkt, als ich ohnehin eine berufliche Veränderung anstrebte. Etwas Ermunterung aus meinem damaligen beruflichen Umfeld trug schliesslich dazu bei, dass ich mich für diese Führungsaufgabe beworben habe.

Ihr Studium haben Sie an der Universität Zürich abgeschlossen. Wie kam es dazu, dass Sie im Anschluss daran neben Ihrer Tätigkeit am Lehrstuhl von Prof. Dr. Heini zwei Jahre lang lateinische Texte übersetzt haben?

Prof. Dr. Heini hatte mir nach einer mündlichen Prüfung diese Teilzeit-Assistentenstelle an seinem Lehrstuhl angeboten. Das kam mir sehr gelegen, weil ich mich sehr für Rechtsgeschichte interessierte und beabsichtigte, eine Dissertation zum Tatbestand der Hexerei zu verfassen. Tatsächlich war das lateinische Quellenstudium aber so aufwändig, dass ich nach zwei Jahren Assistenzzeit noch immer keine Zeile meiner Arbeit verfasst hatte. Weil ich im Berufsleben besser Fuss fassen wollte, gab ich das Thema zurück und trat in die damalige Bezirksanwaltschaft Zürich ein. Meine spätere Dissertation habe ich dann berufsbegleitend auf der Basis meiner praktischen Erfahrung als Bezirksanwältin geschrieben.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Chefin der Kriminalpolizei aus? Was gehört alles in Ihren Aufgabenbereich?

Viele, die mit mir in Kontakt kommen, vermuten zunächst, dass ich, wie eine Tatort-Kommissarin, täglich spannende Kriminalfälle löse. Tatsächlich habe ich aber im Wesentlichen Management-Aufgaben und mit den Ermittlungen selbst nur am Rande oder bei besonderen Ereignissen zu tun.

Die Kriminalpolizei ist neben der Regional-, der Verkehrs-, der Sicherheits- und Flughafenpolizei eine von fünf operativen Hauptabteilungen der Kantonspolizei. Sie umfasst über 460 Mitarbeiter*innen und ist gegenwärtig in acht Abteilungen gegliedert. Fünf davon sind für die Ermittlungen und die Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften zuständig. Drei weitere Abteilungen erbringen für diese Ermittlungsabteilungen wichtige Supportdienstleistungen, wie beispielsweise Fahndungen und Observationen, aber auch Kriminalanalyse, Kommunikations- und andere geheime Überwachungsmassnahmen und die Sicherung und Aufbereitung digitaler Daten. Die acht Abteilungsleiter*innen, die ihrerseits Kaderangehörige führen, sind mir direkt unterstellt und ich arbeite sehr eng mit ihnen zusammen.

Gemeinsam planen und steuern wir die Auftragserfüllung der Kriminalpolizei. Wir legen anfangs Jahr besondere Ziele und Schwerpunkte für die Kriminalitätsbekämpfung fest, planen, mit welchen Massnahmen wir das erreichen wollen. Wir kommen jede Woche zusammen, besprechen die aktuelle Kriminalitätslage, den Stand der wichtigsten Ermittlungsverfahren, den Verlauf von besonderen Einsätzen und den Fortschritt unserer Projekte. Denn mit vielen spannenden Projekten sorgen wir auch für die notwendige Weiterentwicklung unserer Organisation hinsichtlich Struktur, Prozessen, Ausbildung, Infrastruktur, Rechtsgrundlagen u.a.m. In den Fachbereichen der Abteilungen stellen sich zudem immer wieder vielfältige Sach- und Rechtsfragen, aber es sind auch anspruchsvolle Personalentscheide zu treffen und deshalb ist kein Tag wie der andere.

Damit ich mich diesen Aufgaben trotz meiner vielen Termine ausreichend widmen kann, unterstützt mich ein kleines Stabsteam. Es setzt sich aus einer Juristin, einem polizeilichen Sachbearbeiter und zwei Assistentinnen zusammen. Sie halten mir den Rücken frei, indem sie juristische Abklärungen übernehmen, Ausbildungsveranstaltungen, für die ich verantwortlich bin, organisieren, sich um meine Agenda und meine Administration kümmern und mich in der Bewältigung der Post- und Mailflut entlasten.

Neben der Führungsarbeit in meiner eigenen Hauptabteilung ist aber auch die Mitwirkung im Kommando, also der Geschäftsleitung der Kantonspolizei als Gesamtorganisation, eine herausfordernde Aufgabe. Das Kommando arbeitet ganz ähnlich wie die Geschäftsleitung privatwirtschaftlicher Unternehmen. Es trifft sich mindestens alle 14 Tage und bespricht und entscheidet Themen, die für alle operativen Hauptabteilungen von Bedeutung sind. Das betrifft zum einen den Stand der Erreichung unserer Jahresziele und gesamtbetrieblichen Projekte – aktuell gerade die Vorbereitung des Bezugs unseres neuen Gebäudes, dem Polizei- und Justizzentrums Zürich (PJZ). Ebenso wichtig sind aber auch Budget- und Finanzfragen, die Personalrekrutierung und -entwicklung, Investitionen in IT und Gebäudeinfrastruktur, unsere Ausrüstung wie Fahrzeuge, Uniformen, Waffen, Schutzmaterial etc., unser Risikomanagement u.a.m. Aus all diesen Themen, aber auch aus politischen Vorstössen im Kantonsrat und Aufträgen des Regierungsrates, ergeben sich dann immer wieder auch Aufgaben für meinen Zuständigkeitsbereich.

Und schliesslich beschäftigt mich auch die Mitwirkung in interkantonalen und nationalen Gremien und Projekten. So bin ich beispielsweise Vorstandsmitglied der Vereinigung aller Schweizerischen Kripochefs, die sich u.a. mit der kantonsübergreifenden Zusammenarbeit, gemeinsamen Ausbildungsveranstaltungen oder mit Vernehmlassungen zu Gesetzesvorhaben befasst. Seit mehreren Jahren wirke ich auch im Programm FMÜ der Bundesverwaltung mit. Es handelt sich dabei um ein grosses Projekt zur Erneuerung und Weiterentwicklung der technischen Systeme für Kommunikationsüberwachungsmassnahmen im Strafverfahren. Ich vertrete darin die Nutzeranliegen aus der Perspektive der kantonalen Polizeikorps und es ist sehr interessant, in einem so grossen Projekt mit vielen verschiedenen Partnern konstruktiv Problemlösungen zu erarbeiten. Mit all diesen verschiedenen Aufgaben sind meine Arbeitstage zwar sehr lang, aber auch sehr spannend und abwechslungsreich.

Mit welchen Fällen beschäftigt sich die Kriminalpolizei?

Die Kriminalpolizei bearbeitet Ermittlungsverfahren in allen Deliktsbereichen des Strafgesetzbuches und weiterer Gesetze. Darunter fallen sämtliche Arten von Vermögens- und Betäubungsmittelkriminalität, Wirtschaftskriminalität, Gewaltdelikte, Menschenhandel und Sexualdelikte, aber auch Straftaten von kriminellen Organisationen und natürlich auch Cybercrime. Wir arbeiten dazu eng mit den regionalen Abteilungen der Staatsanwaltschaften und den spezialisierten kantonalen Staatsanwaltschaften zusammen.

Welche Fähigkeiten sind bei Ihrer Führungsposition als Chefin der Kriminalpolizei besonders wichtig und was sind die grössten Herausforderungen?

Polizeiarbeit hat eine sehr schnelllebige Seite und ist in ihrer Gesamtheit auch recht komplex und verantwortungsvoll, denn es gilt vielen verschiedenen Ansprüchen unter grossem persönlichen Einsatz und unter Beobachtung der Medien und Öffentlichkeit gerecht zu werden. Schwerwiegende Straftaten, neue Phänomene, Lageentwicklungen und Bedrohungen aller Art fordern uns täglich. Wir müssen schnell reagieren und entscheiden können. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch seriös darauf vorbereiten, unsere Mitarbeiter*innen für ihre Aufgaben fit machen und dafür sorgen, dass sie dafür gute Rahmenbedingungen haben. Vernetztes Denken, flexibles und konstruktives Handeln und Freude an ständiger Veränderung sind da gefragt, aber auch eine gewisse Hartnäckigkeit, Eigeninitiative und Ausdauer.

Ich denke, dass ich mich recht rasch auf verschiedenste Themen einstellen kann und auch die notwendige Leistungsbereitschaft mitbringe. Ich bin eine Pragmatikerin und mache gerne aktiv Vorschläge, um mit anderen Problemlösungen zu erarbeiten. Und es hilft wohl auch, dass ich Dinge ermöglichen und nicht verhindern möchte. Das ist aber gleichzeitig auch eine gewisse Herausforderung, denn nicht immer lassen sich Lösungen so schnell realisieren, wie ich es mir wünschen würde.

Wie können Sie am ehesten eine persönliche Note setzen?

Es mag abgedroschen klingen, aber ich denke, das gelingt mir mit meinem persönlichen Führungsstil. Es war mir von Anfang an sehr wichtig, mein Team möglichst kollegial zu führen und darauf einzustimmen, dass wir gemeinsam für den Erfolg unserer Organisation verantwortlich sind. Das war anfangs eine Herausforderung, denn als ich bei der Kantonspolizei eintrat, waren meine Mitarbeiter*innen es gewohnt, sich vor allem als Interessensvertreter ihres eigenen Zuständigkeitsbereichs zu betrachten und einzubringen. Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen kann ich mit einem Leitungsteam zusammenarbeiten, das beides sehr gut verbinden kann: mit Blick auf den eigenen Fachbereich zu argumentieren und immer auch die gesamtbetriebliche Perspektive einzunehmen. Das scheint mir ein wichtiger Erfolgsfaktor zu sein, denn so rudern wir alle in die gleiche Richtung.

Die Kantonspolizei und damit auch die Kriminalpolizei ist eine Verwaltungseinheit des Kantons Zürich. Was bedeutet es, für die öffentliche Hand zu arbeiten?

Ich habe meine gesamte berufliche Laufbahn in Institutionen der kantonalen Verwaltung verbracht. Vielen jungen Studienabsolvent*innen scheint gar nicht bewusst zu sein, wie vielfältig und interessant die Aufgaben beim Staat und insbesondere in den kantonalen und kommunalen Verwaltungen sein können. Gerade mit einer juristischen Ausbildung ist man da sehr vielseitig einsetzbar. Man kann sich in Themenfeldern engagieren, in denen man auch etwas mitgestalten kann. Ich habe das beispielsweise im Generalsekretariat der Direktion der Justiz und des Innern (JI) sehr stark so erlebt. Das Generalsekretariat eines Regierungsmitglieds bereitet ja einerseits alle politischen Geschäfte der*s Direktionsvorsteherin*s vor und bildet andererseits das Bindeglied zu den zur Direktion gehörenden Ämtern und zu den zuständigen Kommissionen des Parlaments. Entsprechend war das Themenspektrum unglaublich breit und die vielen Projekte und Gesetze, die ich dort bearbeiten und begleiten durfte, waren nicht nur spannend, sondern sie ermöglichten auch, viele interessante Kontakte zu knüpfen und einiges zu gestalten und zu bewegen.

Man muss sich bewusst sein, dass die Verdienstmöglichkeiten in der Privatwirtschaft zweifellos lukrativer sind und man nicht „reich“ werden kann, wenn man sich für eine Karriere bei der öffentlichen Hand entscheidet. Aber wer sinnstiftende Aufgaben schätzt und Gestaltungsspielraum nutzen möchte, der*dem kann ich eine Stelle bei der Verwaltung nur empfehlen. Es lohnt sich, die Stelleninserate regelmässig zu konsultieren.

Sie haben erwähnt, dass sich Bewerber*innen häufig nicht direkt für eine Stelle bei der Verwaltung bewerben. Woran liegt das und welche Entwicklungsmöglichkeiten und interessanten Führungspositionen gibt es Ihrer Meinung nach in der Verwaltung und insbesondere bei der Kriminalpolizei?

Der Begriff „Verwaltung“ klingt für viele vermutlich etwas angestaubt und antiquiert. Sie können sich den Staatsbetrieb nicht als modernen, dynamischen und innovativen Arbeitgeber vorstellen. Entsprechend ist wohl vielen jungen Jurist*innen gar nicht bekannt, dass es in Ämtern und Generalsekretariaten so viele spannende Funktionen für sie gibt. Gerade in einem Generalsekretariat, aber natürlich auch in Fachämtern, kann das Aufgabenspektrum sehr breit gefächert sein. Von der Rechtsprechung im Rekurswesen, über Gesetzgebungsvorhaben, bis zu Innovationsprojekten aller Art bieten solche Stellen ein breites Betätigungsfeld. Aber auch bei der Polizei sind Jurist*innen gefragt. Vereinzelt absolvieren sie sogar die Polizeischule, um das Handwerk von der Pike auf zu erlernen. Andere steigen auf der oberen Kaderstufe als Offizier*in quer in den Polizeiberuf ein. Da gibt es Aufgaben in Rechtsabteilungen, im Personalbereich, in anderen Stabsbereichen und natürlich allem voran auch in der Leitung von operativen Abteilungen.

Wie gehen Sie es an, wenn eine*r Ihrer Mitarbeiter*innen ein Kind erwartet?

Männer die Väter werden oder geworden sind, ersuchen immer mehr um Pensums-reduktionen. Das ist eine grosse organisatorische Herausforderung für einen Betrieb wie unseren, aber gehört inzwischen zur Normalität. Ich selbst habe aktuell in meinem Team eine werdende Mutter. Weil meine Mitarbeiterin eine sehr singuläre Funktion innehat, ist diese Situation zugegebenermassen auch für mich nicht ganz einfach. Ich freue mich aber, dass meine Mitarbeiterin nach dem Mutterschaftsurlaub wieder in ihre Funktion zurückkehren möchte und ich inzwischen mit einer Praktikantin die entstehende Lücke etwas ausgleichen kann. Es ist aber absehbar, dass ich einige Aufgaben temporär selbst werde erledigen müssen. Nach ihrer Rückkehr wird meine Mitarbeiterin ihr Pensum reduzieren und vermutlich auch teilweise im Homeoffice arbeiten. Das lässt sich mit ihren Aufgaben recht gut vereinbaren, denn sie erledigt auch viele Aufgaben, die ihre Anwesenheit im Büro nicht zwingend erforderlich machen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn vielen anderen Aufgaben in einem Polizeibetrieb sind für Homeoffice natürlich nicht geeignet. Denken Sie nur an den Streifendienst, aber auch an Verhaftungen, Observationen, Polizeieinsätze an Tatorten oder polizeiliche Befragungen und vieles andere mehr. Auch Tätigkeiten, die eine besondere polizeiliche Infrastruktur vor Ort erfordern, wie etwa der Dienst in einer Einsatzzentrale oder an Fahndungssystemen, lässt sich ja selbstredend nicht von Zuhause aus erledigen. Hingegen hat uns die Corona-Pandemie aufgezeigt, wo und wie wir Homeoffice auch für unsere Mitarbeitenden ermöglichen können.

Wie lässt sich ein Teilzeitpensum bei der Kriminalpolizei umsetzen?

Die Polizei ist ein 24/7-Betrieb und unsere Einsatzbereitschaft muss das ganze Jahr sichergestellt sein. Da ist Teilzeitarbeit eine besondere organisatorische Herausforderung, weil wir in einer straffen organisatorischen Struktur arbeiten und Pensumslücken nicht fortlaufend flexibel auffüllen können. Ausfälle müssen damit vom restlichen Team aufgefangen werden, was oft für alle belastend ist.

Aber auch bei uns reduzieren gerade immer mehr Männer, die 80% unserer Belegschaft ausmachen, ihren Beschäftigungsgrad, unter anderem, um sich an der Familienarbeit zu beteiligen. Ich unterstütze das sehr gern, wo immer es betrieblich umsetzbar ist. Es gibt aber auch Funktionen und Aufgaben, die in Teilzeitarbeit nicht befriedigend bewältigt werden können. Nehmen wir das Beispiel von Ermittlungen mit laufendenden Kommunikationsüberwachungsmassnahmen. Da müssen die Ermittler*innen zwangsläufig permanent am Ball sein, um jederzeit auf die Lageentwicklung reagieren und notwendigenfalls eine Verhaftungsaktion auslösen und leiten zu können. Das lässt sich mit regelmässigen familiären Pflichten und Absenzen kaum vereinbaren. Es gibt aber durchaus auch Aufgaben in der Kriminalpolizei, die sich sehr gut im Teilzeitpensum erledigen lassen. Aktuell testen wir ein Jobsharing von zwei Ermittlerinnen, die sich eine Stelle teilen.

Sie sprechen sich positiv für das Modell des Jobsharings aus, d.h. wenn sich zwei Personen mit Teilzeitpensum eine Vollzeitstelle aufteilen. Wie würde sich das Jobsharing-Modell auf den Arbeitsalltag der Betroffenen auswirken?

Bei der Polizei sind wir es inzwischen gewöhnt, dass mehrere Personen mit Teilzeitstellen ein Vollzeitäquivalent abdecken. Neuland ist für uns aber das Jobsharing in dem Sinne, dass sich zwei Personen auch die Aufgaben einer Stelle teilen, also beispielsweise gemeinsam die Ermittlungen bearbeiten und gemeinsam für die Auftragserledigung verantwortlich sind. Das erfordert einen gewissen Mehraufwand der Betroffenen und auch etwas Flexibilität. Sie müssen bereit sein, sich miteinander zu koordinieren und abzusprechen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass der gemeinsame Auftrag auch genauso effizient erledigt wird, wie von einer Einzelperson. Das braucht vielleicht ein Quäntchen mehr Engagement, ist aber sicher auch eine interessante Lösung für den Arbeitgeber. Denn mit Jobsharing kann er einerseits gerade für Frauen interessante Arbeitsmodelle anbieten, hat aber nicht den Aufwand, die Arbeit auf viele Köpfe zu verteilen und die Arbeitsergebnisse vieler unabhängig voneinander agierender Teilzeitangestellter konsolidieren zu müssen.

 

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, auf welche Projekte und Erfolge sind Sie besonders stolz?

Das ist keine einfache Frage, weil ich das Glück hatte, sehr viele verschiedene Vorhaben und Projekte entwickeln und begleiten zu dürfen. Ganz allgemein hat mich immer besonders gefreut, wenn ich mit meiner Arbeit etwas gestalten oder bewegen konnte – und sei es nur im ganz Kleinen. Wenn die eigene Arbeit auch gewisse Spuren hinterlässt und Positives bewirkt, ist das ein besonderes und befriedigendes Gefühl. Insofern war vielleicht die Reorganisation der Kriminalpolizei zwei Jahre nach meinem Eintritt ein nachhaltiges Projekt, von dem wir in der täglichen Arbeit immer noch profitieren können. Aber auch eines meiner jüngsten Vorhaben, nämlich in unserem Korps ein informelles, niederschwelliges Frauennetzwerk aufzubauen, beflügelt mich.

Was spielte das Netzwerk in Ihrem beruflichen Werdegang für eine Rolle?

Netzwerken ist für die berufliche Entwicklung – und durchaus auch für andere Interessen und im Privatleben – sehr interessant und nimmt an Bedeutung zu. Ich stamme noch aus einer Generation von Frauen, die das eher etwas vernachlässigt haben. Die Männer meines Alters haben uns Frauen da immer noch etwas voraus. Sie haben ihr Netzwerk schon sehr früh aufgebaut, beispielsweise im Militär, über den Sport, über politische Engagements und in Serviceclubs. Die jüngeren Frauen sind da heute viel aktiver und das ist gut so, denn auch Frauen sollten sich bewusst und intensiv vernetzen, um ihre Erfahrungen auszutauschen, sich bei der Stellensuche und der Karriereentwicklung zu unterstützen, Fachpersonal zu vermitteln und vieles andere mehr. Auch eine gute Vernetzung von Frauen mit Männern kann vieles erleichtern. Ich bin gespannt, ob unser kleines, internes Frauennetzwerk einen Beitrag leisten kann, diese Erkenntnis erlebbar zu machen.

Wie weiss man, ob man einer Führungsposition gewachsen ist?
 
Es ist nicht einfach, sich ganz allein im stillen Kämmerlein mit solchen Fragen zu befassen. Auch hier können ein Netzwerk und vertrauensvolle Kontakte helfen. Suchen Sie sich eine*n gute*n Gesprächspartner*in – vielleicht eine*n Vorgesetzte*n, eine*n Kolleg*in. Besprechen Sie mit dieser Person, was Sie beschäftigt, holen Sie sich Feedbacks. Und vor allem besinnen Sie sich auf Ihre Stärken und auf das, was Sie ausmacht, was Sie können. Ich habe in meiner Laufbahn und in meiner Führungsarbeit immer wieder festgestellt, dass Frauen über sich selber eher defizitorientiert nachdenken. Sie überlegen oft, welche Schwächen sie haben, wo sie vielleicht versagen könnten, was sie alles nicht können. Dabei kann jede von ihnen ganz viel, führt zum Beispiel erfolgreich Projekte, ohne sich bewusst zu sein, dass das auch sehr viel Menschenführung umfasst. Auch Männer, die sich für einen Posten interessieren, haben oft Selbstzweifel, werfen ihre Fähigkeiten und Stärken aber viel offensiver in die Waagschale. Sie wissen, was sie können, und dass man vieles auch noch lernen kann. So sollten auch Frauen sich selbst ihre Stärken vor Augen halten und Selbstbewusstsein entwickeln. Und lassen Sie sich beraten, fördern und unterstützen von Kolleg*innen, Vorgesetzten oder vom HR. Nutzen Sie Angebote, Sie werden es nicht bereuen!
Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

 

Andrea Jug-Höhener, die Chefin der Ermittlungsabteilung für Wirtschaftskriminalität bei der Kantonspolizei Zürich: Sie war zunächst als Anwältin in der renommierten Kanzlei Homburger tätig, hat dann aber die Advokatur verlassen, um Staatsanwältin zu werden und bringt nun seit einigen Jahren ihr Know-how bei der Polizei ein. Ihr Idealismus, ihr Elan und ihr fast unerschöpfliches Interesse an Neuem macht die Zusammenarbeit mit ihr zu einem inspirierenden Vergnügen und sie als als Person zu einem tollen Vorbild.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Zürich, 11. Dezember 2020. Major Dr. Christiane Lentjes Meili hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Florence J. Jaeger.

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