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Dr. Susanne Kuster

Dr. Susanne Kuster im Porträt

"Ich finde es motivierend, einen Beitrag für einen möglichst gut funktionierenden Staat, der ja für die Menschen da sein soll, leisten zu können."

Dr. Susanne Kuster teilt ihre Faszination zum öffentlichen Recht, erzählt, was ihr den erforderlichen Mut gegeben hat, ihre erste Führungsposition anzutreten und gibt Einblick in den Arbeitsalltag beim Bundesamt für Justiz.

Liebe Susanne, du bist stellvertretende Direktorin des Bundesamtes für Justiz und führst den Direktionsbereich Öffentliches Recht. Wusstest du schon immer, dass du Jus studieren möchtest?

Nein, ich fand den Rechtskundeunterricht während des Gymnasiums sogar ziemlich langweilig. Ich wusste damals aber noch nichts über die echten Herausforderungen bei der methodischen Auslegung, bei der Konzipierung oder im politischen Prozess bis zur Umsetzung von Recht. Ich hatte vorab ein grosses Interesse für Sprache und Literatur und wollte verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert. Daher nahm ich zunächst ein Germanistik- und Soziologiestudium auf – bis ich in einer Völkerrechtsvorlesung von Prof. Daniel Thürer, in der ich eher zufällig gelandet war, gemerkt habe, dass Juristerei ebenfalls zum Verstehen, aber noch viel mehr zur Mitgestaltung der Welt dient, und dass die Sprache ein Instrument dafür sein kann. 

Mit deiner Doktorarbeit «Streik und Aussperrung – Vom Verbot zum Recht» hast du vor 20 Jahren an der Universität Zürich im öffentlichen Recht promoviert. Woher kommt die Faszination für dieses Fachgebiet?

Es ist dieses Element der Gestaltung von Staat und Gesellschaft und auch die Schnittstelle zwischen Recht und Politik, die mich faszinieren. Zwar werden in anderen Rechtsgebieten ebenfalls wichtige gesellschaftspolitisch relevante Fragen entschieden, aber die institutionellen Voraussetzungen des demokratischen Rechtsstaats als Grundlage für solche Entscheidungen finde ich in ihrer Grundsätzlichkeit besonders spannend.

Du hast vor über zehn Jahren den Executive Master of Public Administration an der Universität Bern erworben. Wie kam es dazu?

Auch hier war vor allem das Interesse am Verstehen, wie «es funktioniert», ausschlaggebend – konkret, wie eine staatliche Organisation, gestaltet und gesteuert werden kann, und wie die Menschen, die sie ausmachen, ihre Aufgabe gut erfüllen können. Ich habe im Laufe meiner «Lehr- und Wanderjahre» in Verwaltung und Justiz zudem gemerkt, dass es mir leichtfällt, mit anderen zusammenzuarbeiten, aber auch Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Das eMPA-Studium war für mich durch seine interdisziplinären Breite mit dem Fokus auf Leadership und Management in der öffentlichen Verwaltung eine sehr gute Ergänzung zum juristischen Fachwissen und eine passende theoretische Vorbereitung auf die tatsächliche Übernahme einer Kaderposition. 

Du hast als Stabsmitarbeiterin beim Gesundheits- und Umweltdepartement der Stadt Zürich und anschliessend als Gerichtsschreiberin beim Bundesverwaltungsgericht gearbeitet, bevor du zum Bundesamt für Justiz gewechselt bist. Was interessiert dich an der Arbeit im öffentlichen Sektor besonders?

Ich finde es motivierend, einen Beitrag für einen möglichst gut funktionierenden Staat, der ja für die Menschen da sein soll, leisten zu können. Ausserdem ist die Vielfalt von Themen im öffentlichen Recht sehr gross und entwickelt sich dynamisch weiter. Es müssen immer wieder neue Herausforderungen mit den Mitteln des demokratischen Rechtsstaats angepackt werden.

Beim Bundesamt für Justiz hast du im Jahr 2008 als Direktionsadjunktin [1] begonnen, bevor du im Jahr 2012 die Leitung des Direktionsbereichs Internationale Rechthilfe übernahmst. Was hat dich zu diesem Schritt der Übernahme einer Leitungsfunktion bewogen?

Die Übernahme der Leitung des Direktionsbereichs «Internationale Rechtshilfe» war damals für mich persönlich tatsächlich ein recht grosser Karriereschritt. Zuvor hatte ich noch keine formale Führungsverantwortung ausgeübt, hatte als Direktionsadjunktin aber die Chance zur Übernahme von Sonderaufgaben. Zum Beispiel konnte ich im damaligen Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA Luft in der internationalen Zusammenarbeit auf politisch und rechtlich heiklem Terrain schnuppern. Die internationale Rechtshilfe der Schweiz ist, anders als in vielen anderen Staaten, ein verwaltungsrechtliches Verfahren, in dem ich mich aufgrund meiner früheren Berufserfahrung gut auskannte. Da ich bereits im BJ tätig war, konnte ich mir ausserdem ziemlich gut vorstellen, wie der Alltag in der Leitung dieses Direktionsbereichs aussehen würde. All dies hat mir geholfen, den Mut für die Bewerbung für diese Leitungsfunktion zu fassen.

[1] Anm. der Redaktion: Das Sekretariat und die Direktionsadjunkten und -adjunktinnen bilden den Direktionsstab. Die Aufgabe des Direktionsstabs ist es, die Direktion bei der Führung des Amtes zu unterstützen und Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten.

War der Wechsel zum Direktionsbereich Öffentliches Recht im Jahr 2018 der nächste logische Schritt?

Aus meiner Sicht ja. Insgeheim fand ich schon immer, Chefin des Direktionsbereichs «Öffentliches Recht» sei ein Traumjob. Ich habe mich auch in den Jahren als Chefin des Direktionsbereichs «Internationale Rechtshilfe» immer als Öffentlichrechtlerin definiert, auch wenn ich in der internationalen Strafrechtshilfe natürlich sehr Vieles ausserhalb meines angestammten Fachgebiets dazulernen musste und durfte! Die Übernahme der Leitung des Direktionsbereichs «Öffentliches Recht» hat mir die Chance, aber auch die grosse Herausforderung geboten, erstens wieder in den Kern meiner fachlichen Interessen zurückzukehren und zweitens näher an das Gestalten auf der Schnittstelle zwischen Recht und Politik heranzugehen.

Wie würdest du für Studentinnen und Studenten deinen Alltag und die damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen beschreiben?

Ein typischer Arbeitstag ist enorm abwechslungsreich und immer spannend. Er besteht zu einem grossen Teil aus mündlichem oder schriftlichem Austausch mit anderen Personen. Ich habe dabei mit Mitarbeitenden aus meiner Organisationseinheit oder Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ämtern zu tun, aber auch mit Personen aus den Hierarchiestufen über mir, also dem Direktor des BJ, Personen aus dem Generalsekretariat des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements oder auch direkt mit unserem zuständigen Bundesrat Beat Jans sowie mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern in den Kommissionen der Eidgenössischen Räte etc. Inhaltlich geht es dabei um ganz verschiedene juristische, aber auch politisch-strategische oder organisatorische Fragen und Entscheide, meistens im Zusammenhang mit laufenden Rechtssetzungs- oder Berichtsprojekten oder mit der Beantwortung von parlamentarischen Vorstössen. Die Bandbreite von Themen beginnt bei den ganz grundsätzlichen verfassungsrechtlichen Fragestellungen und geht bis zu sehr spezifischen Detailaspekten aus irgendeinem verwaltungsrechtlichen Spezialgebiet. Die grösste Herausforderung ist es dabei, den Überblick über die ganze Breite von Themen nicht zu verlieren, trotzdem innert nützlicher Frist in die jeweils angemessene fachliche Tiefe vorstossen zu können und dabei möglichst adressatinnengerecht zu kommunizieren. 

Ist «Having it all» für Juristinnen und insbesondere Führungspersonen aus deiner Sicht Mythos oder Realität?

Für mich ist die Frage eigentlich falsch gestellt: «Having it all» im Sinne von «jederzeit im Privaten und Beruflichen alles unter einen Hut bringen» kann für mich gar kein echtes Ziel sein, sondern es geht darum, jeweils die richtigen Schwerpunkte zu setzen, die sich im Laufe des Lebens verschieben dürfen. Ich glaube, die öffentliche Verwaltung hat gerade Juristinnen und Juristen an beruflichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten sehr viel zu bieten und dies in Rahmenbedingungen, die auch ausreichend Platz für Familie und anderes Privates freihalten möchten. Mit einer Führungsposition ist aber auch in der öffentlichen Verwaltung die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung verbunden, die nicht ohne einen gewissen Verzicht auf Anderes möglich ist.

Obwohl beim Bundesamt für Justiz mehr Juristinnen als Juristen arbeiten, sind die Kaderpositionen noch mehrheitlich von Männern besetzt. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Ich bin überzeugt, dass in unserem Amt eine ungefähr hälftige Besetzung auch der Kaderpositionen mit beiden Geschlechtern nur eine Frage der Zeit ist. Ich habe das Privileg, mit sehr vielen talentierten Juristinnen und anderen weiblichen Fachpersonen zusammenarbeiten zu können, die ihr berufliches Potenzial sicherlich noch weiter entfalten werden, sobald sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet. Ich nehme aber schon auch wahr, dass sich weibliche Mitarbeitende in der Tendenz intensiver als ihre männlichen Kollegen mit der Frage befassen, welchen Preis sie persönlich mit zusätzlicher beruflicher Verantwortung zu bezahlen hätten. Im Bereich der tatsächlichen Gleichstellung gibt es in unserer Gesellschaft mit Blick darauf m.E. weiterhin zu tun.

Wenn du ein (durchsetzbares) Gesetz erlassen könntest, an welches sich alle Menschen auf dieser Welt halten müssten, wie würde es lauten?
Ein vollständig durchsetzbares Gesetz wird vermutlich auf ewig eine Utopie bleiben, denn es richtet sich ja zumindest in absehbarer Zeit immer an (unvollkommene) Menschen. Aber der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, wonach wir alle nur nach derjenigen Maxime handeln sollen, durch die wir zugleich wollen könnten, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, hat für mich persönlich tatsächlich universelle und vielleicht sogar, in einem menschlichen Verständnis, «ewige» Gültigkeit.
Welche Juristin hat dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?
Prof. Dr. iur. Beatrice Weber-Dürler. Sie war erst die zweite Frau nach Emilie Kempin-Spyri, die an der Uni Zürich habilitierte. Ich hatte das Privileg, als Studentin ihre Vorlesungen besuchen zu dürfen. Sie hat mich mit ihrer gedanklichen Klarheit, ihrer sprachlichen Eleganz und ihrer Bescheidenheit sehr beeindruckt.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Bern, 31. März 2024. Dr. Susanne Kuster hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen wurden von Audrey Canova vorbereitet.

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