Doris Leuthard im Porträt

 

„Ohne feu sacré ist für mich Politik nicht vorstellbar!“

 

Alt-Bundesrätin Doris Leuthard über ihren politischen Werdegang und ihre Aufgaben im Bundesrat, ihre Begeisterung und die Herausforderungen der politischen Tätigkeit, den Umgang mit Öffentlichkeitspräsenz und dem anschliessenden Wechsel in die Wirtschaft.

Sehr geehrte Frau Alt-Bundesrätin Leuthard. Sie haben an der Universität Zürich Rechtswissenschaften studiert und waren 15 Jahre lang als Rechtsanwältin tätig. Was begeisterte Sie am Anwaltsberuf?

 

Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, ist eine schöne Aufgabe. Man sieht in viele Bereiche des Lebens hinein und erkennt, wie wichtig gute Gesetze, Rechtsverfahren und unabhängige Gerichte sind. Natürlich aber ist es immer besser, sich ohne aufwändige und lange Gerichtsverfahren zu einigen.

Ihre politische Karriere begann im Jahre 1993 mit der Wahl zur Schulrätin des Bezirks Muri in Ihrem Heimatkanton Aargau. Aus welchen Gründen sind Sie damals in die Politik eingestiegen?

Als Schulrätin oblag mir damals vor allem die juristisch korrekte Verfassung unserer Entscheide. Ich wollte zudem nach dem Studium einen Beitrag an die Gesellschaft leisten.

Nur 13 Jahre nach Ihrem Einstieg in die Politik wurden Sie im Jahre 2006 zur fünften Bundesrätin der Schweiz in die Landesregierung gewählt. Wie laufen die Zusammenarbeit und Aufgabenbewältigung im Bundesrat hinter den Kulissen ab?

Primär steht man einem Departement vor und führt die dortigen Geschäfte und Mitarbeitenden. Was ausserhalb der eigenen Kompetenz liegt, hat man dem Bundesrat zum Entscheid vorzulegen. Zuvor konsultiert man die Bundesverwaltung bzw. die interessierten Ämter. Daneben ist man mitverantwortlich für die Entscheide des Gesamtbundesrates. In einem festgelegten Verfahren hat man jede Woche die Akten der Kollegen zu studieren und allfällige Einwände in einem sog. Mitbericht zu formulieren, Anträge zu stellen oder einen Kommentar zu verfassen. Man telefoniert auch vorgängig in gewissen Fällen miteinander oder trifft Kollegen zu einem Austausch. Mittwochs an der Sitzung werden dann alle Traktanden, Vorstösse aus dem Parlament, etc. behandelt und meist auch gleich entschieden. Es gilt das Kollegialprinzip, d.h. man trägt jeden Entscheid mit und vertritt ihn nach aussen. Die Zusammenarbeit ist also sehr eng, man muss sich miteinander auseinandersetzen und versuchen Mehrheiten zu finden!

Als ich zur Bundesrätin gewählt wurde, waren auch Pascal Couchepin, Christoph Blocher und Micheline Calmy-Rey im Bundesrat. Es war allgemein bekannt, dass sich diese drei nicht gut verstanden, was die Zusammenarbeit erschwerte. Es kommt sehr darauf an, was für ein Ton gewählt wird und ob die Bundesratsmitglieder bereit sind, zu diskutieren. Weniger wichtig ist es hier, ob es ein Mann oder eine Frau ist, sondern vielmehr ob die Persönlichkeiten verträglich sind. Das äussert sich etwa dadurch, dass man oft Mittagessen geht und einen Kaffee zusammen trinkt. Ausdruck der Stimmung ist dann, wer kommt, wer miteinander spricht und wer nicht.

2010 und 2017 waren Sie zudem Bundespräsidentin. Wie veränderten sich Ihre Rolle im Bundesrat und Ihre Aufgaben durch diese Funktion?

Ich leitete als Bundespräsidentin die Sitzungen und hatte daher Mehrarbeit in der Vorbereitung. Man arbeitet eng mit der Bundeskanzlei zusammen. Man bestimmt ob und wenn ja zu welchen Themen es Klausuren gibt, welche Staatsbesuche anfallen und vertritt den Bundesrat auf präsidialer Ebene im Ausland. Daneben gibt es etwelche Verpflichtungen, wie die Akkreditierung der Botschafter, die Leitung der Von Wattenwyl Gespräche mit den Bundesratsparteien und Repräsentationen.

Mir war es als Bundespräsidentin immer wichtig, dass man eine gute Redekultur hat, miteinander essen geht und so Kritik oder einen Konflikt bewältigen kann. Für das Klima, die Effizienz und den Mut im Gremium sind aber alle Sieben verantwortlich!

Können Sie uns von prägenden Erlebnissen als Politikerin und Bundesrätin erzählen?

Natürlich gerade am Anfang war ich unter den Wirtschaftsministern als Frau eine völlige Exotin. Zum Beispiel gab es bei den OECD Meetings nur zwei bis drei andere Frauen. Man muss sich deshalb durchsetzen. Das Schöne ist, dass man mit den wenigen Frauen dann sofort Kontakt knüpft. Das gibt einem schnell ein wertvolles Netzwerk, mit dem man sich austauschen kann.

Als Frau fällt man immer auf und man hat dafür zu sorgen, dass man in der Sache respektiert wird. Man muss sich auch an internationalen Konferenzen zu Wort melden. Ich habe zum Beispiel auch sehr darauf geachtet, was ich für Kleidung trage, dass dies nicht Anlass zu Gesprächsstoff geben würde.

Teilweise war mit meinen Entscheidungen eine sehr grosse Verantwortung verbunden. Das war beispielsweise der Fall bei der Rettung der UBS in der Finanzkrise im Jahr 2008. Ich war damals Leiterin des Wirtschaftsausschusses und hatte dadurch Zugriff auf sehr viele vertrauliche Informationen und musste dafür sorgen, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt. Ich musste mir zudem ein Bild machen, wie die Lage aussieht – es ging um sehr viel Geld! Da müssen Entscheidungen gefällt werden, um einen Antrag an den Gesamtbundesrat zu stellen und man kann im Vorfeld nur mit ganz wenigen darüber sprechen. Während dieser Zeit hatte ich schon ein paar schlaflose Nächte.

Die Vertretung der Schweiz durch eine Frau ist in islamischen Staaten eher schwierig. Deshalb habe ich damals als Bundespräsidentin kein islamisches Land besucht. Auch als der iranische Präsident Rohani in die Schweiz kommen wollte, haben wir das verschoben, da er nicht bereit war, mir die Hand zu geben. Wenn ich selber ins Ausland reiste und ein anderes Land besuchte, passte ich mich immer an, aber wenn sie in die Schweiz kommen wollten, dann habe ich erwartet, dass sie sich unseren Sitten anpassen.

Demgegenüber waren Highlights im ersten Präsidialjahr das Treffen mit Präsident Obama. Ich sass zudem an einem Anlass zwischen Nikolas Sarkozy und Dimitri Medwedew. Diese Kontakte halfen mir später und ich konnte so einige Probleme für unser Land lösen. 2017 war der Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping mit seiner Rede am WEF wichtig. Als Bundesrätin prägend war das Unglück von Fukushima mit dem späteren Atomausstieg und dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens.

Wie ist es als Frau im Bundeshaus in Bern? Wird man als Frau in der Politik ernst genommen oder muss man sich mehr behaupten als die männlichen Politiker?

Als Frau politische Karriere zu machen ist nicht anders als für einen Mann; wenn auch etwas schwieriger, da man mehr Hindernisse hat. Als ich in den Nationalrat gewählt wurde, gab es natürlich noch viel weniger Frauen als heute. In der CVP haben wir ein „Gotte“-System. Man hat darauf geschaut, dass immer neue Frauen von erfahrenen unterstützt werden, sodass sie von den profilierten Politikerinnen profitieren können. Es gab auch schon damals viele Pionierinnen aus der CVP im Parlament. Das hat mich auch persönlich motiviert.

Meine „Gotte“ war Romy Dormann. Sie gab mir viele hilfreiche Tipps. Zum Beispiel gab es früher im Bundeshaus noch nicht überall Frauentoiletten, sondern man musste erst einen Stock nach unten gehen, um diese zu finden. Durch sie habe ich auch erfahren, wem ich lieber nicht zu nahekommen sollte und wie man am besten Stimmen erhält. Der Umgang mit Medien war auch sehr herausfordernd. Im Gegensatz zum Kanton, wo es meisten nur eine Hauptregionalzeitung gibt, wirbelt es in Bundesbern nur so von Zeitungen und es hilft schon sehr, wenn Dich jemand an der Hand nimmt. Ich war sehr dankbar darüber, dass Romy Dormann mich über das Vorgehen informierte und vor Fallen warnte. Das war unter Frauen sehr wertvoll. Wir sind bis heute in Kontakt.

Auch beim Kampf um Kommissionssitze war meine CVP-Gotte hilfreich, da diese mehrheitlich durch Männer belegt wurden, insbesondere bei Finanz- und Wirtschaftskommissionen. Wir sagten uns, dass die Konsumentinnen zur Hälfte Frauen sind und dass viele Frauen arbeiten, wenn auch in Teilzeit. Deshalb war es von Bedeutung, dass Frauen in den wichtigen Kommissionen vertreten sind. Meistens erhielten die Frauen Sitze in Bildungs- und Justizkommissionen, da man dachte, dass diese nicht so einflussreich seien. Ich wurde dann selber mit starken Kolleginnen, wie Regine Aeppli, Dorle Vallender oder Anita Thanei, in die Justizkommission gewählt. Wir konnten uns mit Fragen des Mietrechts und Aktienrechts beschäftigten, was auch Themenbereiche mit weitreichender Bedeutung waren.

Gleich wie in der Berufswelt, muss man dossierfest sein, dann haben die Frauen gute Chancen. Ich lese mich lieber eine Stunde länger ein, dass man mich nicht so schnell aufs Glatteis führen kann. Dann merken die Kollegen schnell, sie kennt sich gut aus mit den Zahlen oder den Argumenten. Und wenn einen jemand angreift, kann man Ruhe bewahren. So verschafft man sich den grössten Respekt!

Kritik gehört dazu – man darf nicht zu empfindlich sein. Aber natürlich gibt es ungerechtfertigte Kritik, unsachliche oder auf die Person statt auf die Sache zielende. Es gibt sogar wissenschaftliche Statistiken, dass kritische Äusserungen und E-Mails bei Frauen viel häufiger sind. Manchmal kommt harsche Kritik auch von anderen Frauen. Man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Bei Medien allerdings muss man vorsichtig sein, sich zu rechtfertigen, dann kommt oft eine Retourkutsche. Das braucht Kraft und eine klare Haltung. Mit Sachlichkeit, Gradlinigkeit und manchmal träfen Worten bin ich recht gut gefahren. Und ab und zu braucht es dann auch mal ein Glas Wein!

Sie haben einmal gesagt, Kinder wären nur schwer mit dem Amt als Bundesrätin vereinbar gewesen. Ist eine Karriere bis an die politische Spitze mit Familie möglich?

Möglich ja. Es braucht dazu allerdings einen starken Partner, denn der Bundesratsjob ist schon sehr intensiv und lässt nicht viel Raum für das Privatleben, geschweige denn für Kinder.

Weshalb haben Sie sich 2018 zum Rücktritt vom Bundesrat entschlossen und wie erlebten Sie diese Veränderung in Ihrem Leben?

12½ Jahre sind eine lange, intensive Zeit und ich wollte nicht zum Sesselkleber werden. Ich denke auch, dass Wechsel im Bundesrat gut tun. Es gibt eine neue Dynamik, neue Ideen. Mit 56 Jahren konnte ich zudem nochmals etwas Neues beginnen. Die Veränderung ist gross, aber tut gut. Ich habe meine Freiheit wieder zurück! Ich bin weniger medial exponiert, kann das politische Geschehen beobachten und aus meinen Erfahrungen etwas weitergeben. Daher bin ich heute zu ca. 60% in Unternehmen tätig und den Rest gemeinnützig in Stiftungen, etc.

Sie sind als kompetente, charismatische und strahlende Bundesrätin in die Geschichtsbücher der Schweiz eingegangen. Wie passen für Sie Emotionen und Politik zusammen?

Ohne feu sacré ist für mich Politik nicht vorstellbar! Man hat ja seine Überzeugungen, seine Projekte und wenn man dafür einsteht, geht das für mich nur mit Herzblut. Natürlich kann man nicht in jeder Situation Emotionen zeigen. Aber ich denke, wenn die Menschen sehen, man ist berührt, mal traurig, mal belustigt, mal ernst, dann ist das authentisch und vermittelt politische Anliegen besser als abgelesene Statements.

Was würden Sie jungen Frauen und Männern raten, die in Ihre politischen Fussstapfen treten möchten?

Politik ist ungemein spannend. Man kann etwas bewirken, verändern, anstossen und somit die Zukunft gestalten. Ja, es bringt Verantwortung und braucht Hartnäckigkeit, Zeit, Überzeugungskraft, ein Netzwerk und zumeist eine Partei im Rücken. Aber es gibt einem Viel: neue Begegnungen, neue Erfahrungen und sogar Freunde. Ich würde daher wieder einer Partei beitreten und mich engagieren!

Eine politische Karriere ist jedoch nicht gut planbar, sondern es ist ein Prozess, der immer wieder von Wahlen und dem Momentum abhängig ist. Man muss die Chancen packen. Ich habe gleichzeitig für den Nationalrat und den Ständerat kandidiert. Viele haben mir gesagt, „Du hast ja gar keine Chancen, in den Ständerat gewählt zu werden“, aber es hatte mir im Endeffekt geholfen, viel mehr Stimmen für den Nationalrat zu erhalten. Man muss manchmal etwas frecher sein, als es unserem Naturell entspricht und wenn man Freude daran hat, sollte man es einfach machen.

Sie unterstützen die Initiative «Helvetia ruft!», ein überparteiliches Engagement mit dem Ziel, Frauen zum Politisieren zu ermuntern. Welche Bedeutung hat diese Bewegung für Sie und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Wir Frauen haben zwar schon einiges erreicht, aber punkto Vertretung in den politischen Gremien, in den Chefetagen, in der Wissenschaft, etc. sind wir unterrepräsentiert. Die meiste Kinder-, Hausarbeit und Freiwilligenarbeit lastet auf den Frauen. Unsere Löhne sind nicht überall gleich. Oft sind wir schlechter versichert, was die 2. Säule betrifft. Gleichstellung tönt anders. Daher braucht es immer wieder die Rufe der Helvetia!

Auch nach Ihrem Rücktritt als Bundesrätin werden Sie als öffentliche Person wahrgenommen. Dabei kann die Medienaufmerksamkeit das Privatleben durchaus beeinflussen. Was sind die grössten Herausforderungen in dieser Hinsicht?

Ich werde wohl den Rest meines Lebens als öffentliche Person gelten, das ist ein Preis, den man zahlt. Natürlich sinkt das Interesse mit jedem Jahr. Man kann sich aber selber zurücknehmen. Daher sage ich bei vielen Anfragen ab und mache nur wenige Auftritte. Medien respektieren das. Zudem versuche ich mich nicht in die aktuelle Politik einzumischen, auch wenn es mich ab und zu juckt!

Aktuell sind Sie in den Verwaltungsrat von namhaften Unternehmen berufen worden. Was muss man mitbringen, um in eine solche Position zu gelangen?

Meist gibt es ja ein Anforderungsprofil für die gesuchte Verwaltungsrätin. Grundkenntnisse des Aktienrechts, ökonomisches Wissen und das Lesen von Budgets und Bilanzen sind sicher nötig. Mit meiner juristischen Grundbildung, meiner Tätigkeit als Wirtschafts-, Innovations-, Energie- und Infrastrukturministerin habe ich natürlich eine breite Erfahrung. Je nach Branche und Grösse des Unternehmens gilt es dann halt, sich einzuarbeiten und sich weiterzubilden. Wichtig ist das Interesse an wirtschaftlichen Abläufen und genug Zeit.

Für Verwaltungsräte schweizerischer Aktiengesellschaften gibt es – im Unterschied zu Deutschland – bisher keine Quotenregelung. Was können/sollten Unternehmen tun, um eine ausgewogenere Zusammensatzung der Verwaltungsräte zu erreichen?

 

Frauen in Verwaltungsräten sind auf leichtem Vormarsch – im Gegensatz zu den Geschäftsleitungen. 2020 betrug der VR-Frauenanteil bei den 100 grössten Arbeitgebern der Schweiz gemäss Schilling-Report 23%, was natürlich noch immer ungenügend ist. Unternehmen haben aber erkannt, wie wichtig Diversity ist und dass sie davon profitieren! Mehr Frauen bedeutet allerdings zuerst, dass Männer Platz machen müssen. Daher wären Amtszeitbeschränkungen bereits eine echte Hilfe!

Ich stelle aber auch immer wieder fest, dass Frauen warten, bis sie gefragt werden. Es wartet aber leider niemand auf sie. Viele Frauen denken auch, „der Arbeitgeber wird schon merken, wie gut ich bin“ – aber das passiert leider nicht. Um weiterzukommen, muss man dem Arbeitgeber ganz klar seine Ziele kommunizieren, die Laufbahn skizzieren und anmelden, welche Ambitionen man hat: „Momentan bin ich zufrieden, wo ich jetzt stehe. Wo möchte ich in ein paar Jahren stehen und wo möchte ich grundsätzlich hin.“

 

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Josi Meier, versierte Juristin, CVP Ständerätin des Kantons Luzern und erste Ständeratspräsidentin (1991/92)! Sie war eine brillante Rednerin, trotz schwieriger Stimmlage. Ihre profunden Kommentare waren ebenso gefürchtet, wie geschätzt.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Aargau/Zürich, 14. Mai 2020. Frau Alt-Bundesrätin Doris Leuthard beantwortete die Fragen schriftlich. Die Fragen stellte Florence J. Jaeger.

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