Dominique Fehlmann im Porträt

 

"Am Wichtigsten ist wohl, dass Personen mit einem modernen Frauenbild am Schalthebel sitzen."

Dominique Fehlmann, General Counsel bei der SWISS, berichtet über Anforderungen an Führungspersonen, Herausforderungen während (Corona-) Krisenzeiten und die Freude, Menschen führen und fördern zu können.

Frau Formica-Schiller, Sie führen Ihr eigenes Unternehmen Pamanicor Health, sind international tätig und gelten als Expertin im Bereich Künstliche Intelligenz (KI), Blockchain, Big Data und Digitalethik mit Fokus auf das Gesundheitswesen. Haben Sie sich das alles so vorgestellt oder kam alles anders als geplant?

 

Ich hatte schon vor Studienbeginn mit dem Gedanken gespielt, Unternehmerin zu werden. Zeitgleich wusste ich aber, dass ich auf dem Weg dorthin zuerst international Praxiserfahrung sammeln wollte. Meine Karriereschritte waren daher von Anfang an so angelegt, mir ein breites Spektrum an Fähigkeiten anzueignen, die ich heute bei der Leitung meines eigenen Unternehmens und im Umgang mit unseren Kunden anwenden und maximieren kann.

Denn bei Pamanicor Health beraten wir weltweit. Wir identifizieren disruptive Trends im Bereich Gesundheit, Life Sciences und Biotechnologie, um Kunden aus den unterschiedlichsten Bereichen bei ihren digitalen Transformations- und Innovationsstrategien mit interdisziplinären Lösungen für die Gestaltung eines stark vernetzten, regulierten und globalen digitalen Ökosystems zu unterstützen. Als hilfreich erweist sich meine vorherige internationale Berufserfahrung z.B. als Liaison Officer des CEO von Nord Stream, sowie bei Unternehmen wie der Allianz, Shearman Sterling und Munich Re. Bei Freshfields Bruckhaus Deringer in London konnte ich im Zusammenhang mit der damals wegweisenden Microsoft-Entscheidung der Europäischen Kommission mein digitales Wissen einbringen und vertiefen.

Sie haben in Deutschland Jura studiert und Ihren Abschluss als Volljuristin erlangt. War diese Studienwahl für Sie schon immer klar? Und warum haben Sie sich entschieden, parallel dazu noch ein weiteres Studium in Form einer wirtschaftswissenschaftlichen Zusatzausbildung zu machen?

Klar war für mich, dass ich ein Studium absolvieren möchte, welches ein Verständnis für die globalen wirtschaftlichen, aber auch rechtlichen und politischen Zusammenhänge u.a. vor dem Hintergrund digitaler Entwicklungen vermittelt. Insbesondere als Vorbereitung für eine internationale Tätigkeit. So kam es zu der Studienwahl von Jura und Wirtschaftswissenschaften.

Es gibt den schönen Spruch «Judex non calculat». Und in der Tat ist es wichtig, ein Verständnis von Zahlen und ökonomischen Zusammenhängen zu haben. Ein Jurastudium ist eine gute Basis für eine analytische Herangehensweise an Sachverhalte, dem schnellen Erfassen einer großen Menge an teilweise unstrukturierten Informationen und darauf basierend dem Entwickeln von effizienten Lösungen. Ein Skillset, dass auch für Unternehmer*innen vorteilhaft ist.

Was ich im Jurastudium vermisst habe, war Interdisziplinarität. Bei Pamanicor Health arbeiten wir interdisziplinär, d.h. jeder bringt seine spezifische Expertise ein, u.a. aus den Bereichen Digitalisierung, Technologie, Medizin, Wirtschaft, Regulierung und Policy etc. Anders ist die Komplexität der rasanten digitalen Entwicklungen, gerade auch im Gesundheitswesen und im internationalen Kontext, nicht realitätsgetreu abzubilden.

Sie veröffentlichen im April Ihr Buch "Künstliche Intelligenz und Blockchain im Gesundheitswesen: Wie COVID-19 und zukunftsweisende Technologien den Status quo revolutionieren", sind Mitglied verschiedener Task Forces, u.a. zur KI-Regulierung, beraten Kommissionen und Gremien und leiten Ihr eigenes Unternehmen. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mein Buch ist die logische Konsequenz aus meiner täglichen beruflichen Erfahrung und der Interaktion mit verschiedenen Stakeholdern weltweit. Gerade in einem Bereich wie der Gesundheit, welche uns alle früher oder später beschäftigt, ist es wichtig, (digitale) Entwicklungen in einem vernetzten Gesundheits-Ökosystem einer breiten Mehrheit der Bevölkerung aufzuzeigen. Insbesondere, um Zusammenhänge zwischen disruptiver Innovation und ihren Auswirkungen auf Institutionen, Märkte und Gesellschaften zu verstehen, einschließlich Big Tech. Meine im Buch gegebenen Empfehlungen – auch an politische Akteure und Akteurinnen – zu disruptiven Technologien unter Berücksichtigung regulatorischer, ökonomischer, gesellschaftspolitischer und ethischer Aspekte, fließen auch in meine Arbeit mit Kommissionen etc. ein. Und last but not least habe ich eine wunderbare Familie, welche nicht nur akzeptiert, was ich tue, sondern mich tatkräftig dabei unterstützt.

Gab es für Sie Momente der Unsicherheit oder des Zweifelns und wie sind Sie damit umgegangen?

Natürlich gab und gibt es immer wieder Momente, in denen man Dinge und auch sich selbst hinterfragt. Aber das ist auch gut so, denn nur so entwickelt man sich und sein Umfeld weiter und verliert nicht die Bodenhaftung. Gerhard Schröder sagte einmal «Nicole, Du bist eine Kämpferin». In Momenten des Zweifelns erinnere ich mich gelegentlich daran.

Wenn man vom beruflichen sowie privaten Umfeld positives Feedback bekommt, ermutigt das einen und man weiss, dies ist der richtige Weg. Die Auswahl und Einladung von Forbes aufgrund einer der innovativsten Ideen zu «Writing Future Codes» in Zürich ist so ein Beispiel.

Was würden Sie Jurist*innen empfehlen, die gerne unternehmerisch tätig werden möchten?

Gerade Frauen rate ich: traut Euch! Sucht Euch Vorbilder, die inspirieren, seit selbstbewusst und vertraut auf Eure Kenntnisse und Fähigkeiten! Lasst Euch nicht einschüchtern und wenn ihr Euch mit jemand vergleicht, dann nur zur eigenen Motivation und nicht um Euer eigenes Licht unter den Scheffel zu stellen. Denn dazu neigen Frauen leider zu häufig.

Ist Unternehmertum Ihrer Meinung nach etwas, das man sich theoretisch aneignen kann, oder gibt es nichts Besseres als «learning by doing»?

In Bezug auf Unternehmertum gibt es immer den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Unternehmertum kann aus einer theoretischen Perspektive gelehrt werden, wie dies mittlerweile auch an einigen Universitäten in der DACH-Region (Anm. d. Red.: DACH = Deutschland, Österreich, Schweiz) erfolgt. Unternehmerischer Erfolg in der Realität basiert jedoch neben einem fundierten Geschäftsmodell auch stark auf Eigenschaften, die nicht theoretisch gelehrt werden können: Hartnäckigkeit, Zielstrebigkeit, unvoreingenommene Neugier und Interesse an Neuem, Hinterfragen des Status quo, Querdenken sowie Verantwortung zu übernehmen für unternehmerisch getroffene Entscheidungen. Insofern begrüße ich den Ansatz einiger Universitäten, ihren Studierenden den Austausch mit der Praxis zu ermöglichen, indem z.B. Start-up Gründer*innen als Gastdozenten eingeladen werden, um praktische Einblicke in das Unternehmertum zu geben. Meine persönliche Erfahrung ist, dass dieses Angebot von Student*innen mit großer Begeisterung wahrgenommen wird.

Sie arbeiten global und waren schon in vielen Metropolen dieser Welt, wie z.B. Kuala Lumpur, Moskau, Hong Kong, München und London berufstätig. Wie erleben Sie die kulturellen Unterschiede in Bezug auf Vorurteile gegenüber Frauen in Führungspositionen?

Unbestritten gibt es große Unterschiede. Unter anderem in der DACH-Region wird teilweise der Eindruck vermittelt, alles läuft hier wunderbar, wenn es um die beruflichen (Aufstiegs-)Möglichkeiten für Frauen geht. Das dem aber bei weitem nicht so ist und noch großer Aufholbedarf gegenüber anderen Ländern besteht, hat der aktuell veröffentlichte Glass-Ceiling-Index des «The Economist» eindrücklich verdeutlicht. Bedingt durch die COVID-19 Pandemie wurden zudem viele der in den vergangenen Jahren errungenen Erfolge in Bezug auf die berufliche Gleichstellung von Mann und Frau, wieder zunichte gemacht.

Schon frühzeitig in meiner Karriere, sowie auch heute noch, mache ich bei meiner Arbeit im Ausland die Erfahrung, dass es in manchen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, als Frau an Vorstandssitzungen und Expertin in meinem Fachbereich teilzunehmen.

Weltweit wird die Mehrheit der Unternehmen von Männern gegründet, obwohl die Anzahl Frauen, welche ihr eigenes Unternehmen gründen in den letzten Jahren zugenommen hat. Wie erleben Sie als Frau das Unternehmertum in Deutschland und der Schweiz?

Auf den ersten Blick ist es vornehmlich noch sehr männerdominiert, obwohl es viele großartige Unternehmerinnen in den unterschiedlichsten Branchen gibt. Von der Öffentlichkeit werden diese aber nicht ausreichend wahrgenommen. Das hat verschiedene Gründe. So meiden manche Unternehmerinnen bewusst die Öffentlichkeit. Zudem erfolgt die Berichterstattung hierzu in manchen Medien mehr mit Fokus auf Männer.

Auch kann man sich gelegentlich nicht des Eindrucks verwehren, dass auf Award-Listen oder «Top 50»-Übersichten etc. oftmals die gleichen Namen von Frauen auftauchen. Eine Kollegin aus dem Silicon Valley fragte mich einmal verwundert, «Are there seriously not enough women so that it appears that always the same ones are on these lists? » Andere Länder sind hier wesentlich weiter. Die Sichtbarkeit von Unternehmerinnen ist dort eine Selbstverständlichkeit. Dies ist ein wichtiger Punkt, um auch mehr Frauen zum Gründen zu ermutigen.

Eine der grössten Hürden für Unternehmerinnen ist die Beschaffung neuer Ressourcen, insbesondere von finanziellen Mittel für ein neues Konzept. Wie kann frau diese Hürde nehmen?

Durch meine Arbeit mit Venture Capital und Private Equity sehe ich immer noch einige Barrieren für Frauen, besonders in den Bereichen Deep Tech. Deshalb ist es sehr wichtig, ein überzeugendes Geschäftskonzept zu haben und dieses verständlich darzustellen. Ein Grundsatz, der für Frauen und Männer gleichermaßen gilt. Gerade für Gründer im Bereich KI gibt es im aktuellen Marktumfeld einige Investoren, die daran interessiert sind, bereits in der Früh-Phase einzusteigen, sofern ihnen ein erfolgversprechendes Konzept präsentiert wird.

Sie waren bis vor kurzem Vizepräsidentin der HBA (Healthcare Businesswomen’s Association (HBA) Zürich-Zug und sind jetzt u.a. Vorstandsmitglied des größten deutschen KI-Bundesverbands auf Bayern-Ebene. Was gefällt Ihnen an diesen Rollen besonders?

Innovation lebt durch fachlichen Austausch, zu welchem ich durch meine Fachexpertise gerne beitrage. Gleichzeitig kann ich mein umfangreiches globales Netzwerk einbringen und als Bindeglied zwischen den verschiedenen Stakeholdern und den Erwartungen der Gesellschaft agieren.

Aufgrund von Covid-19 ist die globale Gesundheitsversorgung zu einem wichtigen geopolitischen Thema geworden. Sie haben Erfahrung mit großen geopolitischen Projekten u.a. aufgrund Ihrer Tätigkeit für Nord Stream. Wie können z.B. KI und die Blockchain Technologie helfen die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen?

Die globale Gesundheitsversorgung war bereits vor Ausbruch von COVID-19 ein wichtiges geopolitisches Thema. Bereits vor der Pandemie habe ich vor verschiedensten Stakeholdern wiederholt darauf hingewiesen, die geopolitische Bedeutung des Themas Gesundheit(-sversorgung) insbesondere im Zusammenspiel mit technologischen Entwicklungen wie u.a. KI und Blockchain, nicht zu unterschätzen. Amerika und Teile Asiens werden häufig als Vorreiter gegenüber Europa in Bezug auf diese zukunftsweisenden Technologien angeführt. Dabei wird oft vergessen, dass deren Erfolg nicht allein auf rein kommerziellen Interessen der entsprechenden Technologiekonzernen beruht, sondern auch von staatlicher Seite gefördert wird. Spricht man von den Einsatzmöglichkeiten von KI und Blockchain im Kampf gegen COVID-19, so sind diese vielfältig. Sie gibt es z.B. KI-basierte Pattformen für klinische Studien zu COVID-19; Apps, die mittels KI anhand einer Stimmauswertung COVID-19 Symptome erkennen bis hin zur Verwendung von Blockchain, um COVID-19 Daten transparent, schnell und sicher zu teilen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sie sind bekannt für ihre Fähigkeit, komplexe Trends und disruptive Technologien von morgen in Anwendungsfälle von heute zu übersetzen. Wo sehen Sie in einem zunehmend digitalen Gesundheitswesen, auch mit Blick auf Digitalethik, die grössten Herausforderungen?

Vor einiger Zeit habe ich im Rahmen der Datenethik-Kommission der deutschen Bundesregierung die Aussage gemacht «KI macht nicht an Staatsgrenzen halt». Gleiches gilt für sensible Gesundheitsdaten eines jeden von uns. Im zukünftigen Gesundheitswesen – welches zeitlich nicht so fern ist, wie manche denken mögen -–spielen diese Daten eine wesentliche Rolle. Sowohl im Zusammenhang mit der Verwendung von Künstlicher Intelligenz, Blockchain bis hin zu Augmented Reality, Quantencomputern etc. Bereits heute werden diese Daten u.a. von den großen Technologiekonzernen (Big Tech) anhand von Apps, Wearables etc. in großem Stil gesammelt. Was aber genau geschieht mit diesen Daten? Soll jedem/r Bürger*in Dateneigentum in dem Sinne zustehen, dass er oder sie diese selbst monetarisieren oder im Gegenzug für teure Gesundheitsleistungen spenden kann? Dies sind einige der Herausforderungen, mit denen ich unsere Gesellschaft konfrontiert sehe.

Gerade auch im Bereich der Gesundheitsvorsorge oder generellem «Fitness Tracking» kommen im Privatbereich oder auch von Krankenkassen immer mehr Apps und Geräte zum Verfolgen von Gesundheitsdaten zum Einsatz. Sehen Sie hier Regulierungsbedarf von KI?

Als Co-Autorin des Positionspapiers "EU-Regulation of Artificial Intelligence" des KI-Bundesverbands, zu welchem aktuell mit diversen Stakeholdern auf nationaler sowie EU-Ebene in Brüssel Austausch stattfindet, ist es mir wichtig zu betonen, dass Regulierung in Teilbereichen erforderlich sein kann, sich aber für die jeweiligen Stakeholder als verständlich und umsetzbar erweisen muss. Beim Entwurf entsprechender Regelwerke ist es unverzichtbar, einen interdisziplinären Ansatz zu verfolgen und Experten aus den jeweiligen Bereichen einzubeziehen. Zudem schadet eine zu starke Regulierung Innovation und Investitionen gerade für Start-ups und KMUs. Regulierungen fokussieren sich meist auf die Probleme von gestern. Stattdessen gilt es die Probleme von morgen zu lösen. Gerade Künstlicher Intelligenz ist es inhärent, dass diese sich stetig weiterentwickelt. Dies gilt es zwingend bei der Entwicklung regulatorischer Lösungsansätze zu berücksichtigen. Heute reden wir von Apps. Morgen über Digitale Zwillinge.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Mich inspirieren Juristinnen, die Interdisziplinarität und Internationalität in einer Person vereinen, sich Ihren Weg entgegen aller Widerstände erkämpfen und bei Gegenwind nicht umfallen. Margaret Thatcher war so eine Person. In der Tat umstritten aufgrund Ihrer politischen Entscheidungen. Aber eine soziale Aufsteigerin, der ihre Karriere in einem männerdominierten Umfeld nicht in die Wiege gelegt war, die unbeirrt ihren Weg aus einfachen Verhältnissen bis hin zur ersten weiblichen Premierministerin des Vereinigten Königreichs gegangen ist und große Herausforderungen nicht gescheut hat.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Zug, 10. März 2021. Frau Formica-Schiller hat das Interview schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Audrey Canova.

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