Kathrin Nabholz-Lattmann

Kathrin Nabholz-Lattmann im Porträt

 

"Man muss Gelegenheiten packen, wenn sie sich bieten."

Kathrin Nabholz-Lattmann, Leiterin des Rechtsdienstes Privat- und Unternehmenskunden Schweiz sowie des Sprachendienstes / Mitglied der Direktion der Basler Versicherungen AG, über eine Karriere innerhalb eines Unternehmens und Auswirkungen und Chancen der Corona-Pandemie für Familien.

Frau Nabholz-Lattmann, Sie sind seit 16 Jahren bei der Baloise, seit 2018 als Leiterin des Rechtsdienstes Privat- und Unternehmenskunden im Konzernbereich Schweiz. Was ist das Spannendste an Ihrem Beruf?

 

Dass er sehr vielfältig ist und es reichlich Veränderungsmöglichkeiten gibt. In meiner aktuellen Position reizt mich insbesondere die Kombination von Personalführung, unternehmerischen und eben klassisch juristischen Tätigkeiten. Als Leiterin des Rechtsdienstes nehme ich natürlich dessen operative und strategische Ausrichtung vor, als Teil des Leitungsteams Unternehmensgeschäft bin ich aber auch aktiv an der Mitgestaltung der Firmenstrategie beteiligt. Dieses unternehmerische Arbeiten ist ein neuer Aspekt für mich. Mir war allerdings auch vor meinem Wechsel in diese Leitungsposition nie langweilig. Als Ansprechpartnerin für rechtliche Belange diverser Versicherungszweige, auch im Rahmen von Projekten und als Referentin, war die Tätigkeit der Rechtskonsulentin als Teil eines Teams immer spannend und anspruchsvoll.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag, sofern es einen solchen gibt, bei Ihnen aus?

Auch wenn jeder Tag seine eigenen Aufgaben mit sich bringt, gibt es im Grossen und Ganzen schon einen gewissen Ablauf. Im Unterschied zu vorher, ist dieser aber weniger planbar. Bei mir sind insbesondere branchenübergreifende Themen angesiedelt. Aktuell nimmt die fachliche Führung bei der Umsetzung der Revision des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG-Revision zum 01. Januar 2022) im Tagesgeschäft viel Zeit in Anspruch. Diese Revision betrifft den ganzen Konzernbereich Schweiz und tangiert eigentlich alle Abteilungen in irgendeiner Form. Neben der Beantwortung der juristischen Fragen müssen die Bedürfnisse der verschiedenen Stakeholder koordiniert werden. Es sind Produkte, Dokumente und Prozesse anzupassen, sowie Kommunikations- und Schulungskonzepte zu erstellen.

Daneben haben Rücksprachen mit meinen Mitarbeiter*innen zum laufenden Tagesgeschäft einen festen Platz in meiner Agenda. Hierbei bin ich Sparringpartnerin und habe schwerpunktmässig die Aufgabe, das Unternehmens- und Privatkundengeschäft zu koordinieren. Ich begleite auch interne und externe Audits und die Kommunikation mit Aufsichtsbehörden zu den verschiedenen Themen. Hinzu kommt der regelmässige Austausch mit Compliance-Abteilungen und anderen Rechtsdiensten im Konzernbereich Schweiz und in der Gruppe sowie regelmässige Sitzungen mit den Leitungsteams Privat- und Unternehmenskunden. Dies und der Umstand, dass auch meine Tätigkeit als Vorstandsmitglied des Nationalen Versicherungsbüros / Nationalen Garantiefonds (NVB / NGF) inklusive Leitung des Ausschusses Legal & Compliance, zusätzlich eine fixe Anzahl von Meetings pro Jahr mit sich bringt, haben mich bewogen, mein Teilzeitpensum auf 100% aufzustocken, um für all diese Aufgaben in meinem Alltag mehr Flexibilität zu schaffen.

Sie sind nach dem Studium direkt bei der Baloise eingestiegen. Weshalb haben Sie sich damals direkt für die Tätigkeit in einem Unternehmen entschlossen?

Zwischen Studium und Beginn meines Anwaltspraktikums hatte ich mich bei der Baloise im Marktleistungsmanagement beworben. Das war eine kleinere Spezialabteilung für branchenübergreifende Themen. Nach der Uni in ein Unternehmen reinschauen zu können, bzw. direkt voll eingebunden zu werden, war spannend. Mein Einstieg erfolgte über die Vorbereitungen zur Umsetzung der damals anstehenden VVG-Revision. So durfte ich unter anderem die Aufgabe übernehmen, ein Konzept für die Abgabe der neu erforderlichen vorvertraglichen Informationen für das Unternehmen zu erstellen – Produktinformationen, die seither jedem Versicherungsabschluss beizulegen sind. Durch dieses Grossprojekt war ich auch direkt innerhalb des ganzen Unternehmens gut vernetzt. Schon damals fand ich es interessant, nicht nur juristisch, sondern auch organisatorisch an einem Projekt mitarbeiten zu können. Ausserdem hat es mir gefallen, zukunftsgerichtet zu arbeiten. Mein Eindruck ist, dass man in einer Kanzlei oft erst dann hinzukommt, wenn ein Problem bereits entstanden ist. Nach dem Praktikum ist mir direkt eine Stelle angeboten worden, woraufhin ich auf eine Fortführung von Anwaltspraktika verzichtet habe, auch wenn ich damals noch vorhatte, die Anwaltsprüfung irgendwann zu machen.

Haben Sie je überlegt, doch noch eine andere juristische Tätigkeit auszuüben?

Nicht vertieft. Das Versicherungsrecht an sich bzw. dessen Betreuung bei einem Allspartenversicherer ist so vielfältig, dass ich nicht das Bedürfnis nach einem Wechsel hatte. Dazu kam, dass ich nicht nur juristisch Arbeiten wollte. Da bot sich die Vorstandstätigkeit beim Nationalen Versicherungsbüro & Nationalen Garantiefonds an. Der juristische Hintergrund ist zwar nach wie vor wichtig für mich aber insbesondere seit der Übernahme der Leitung des Rechtsdienstes Privat- und Unternehmenskunden vor zwei Jahren und kürzlich zusätzlich der Leitung des Sprachendienstes, liegen meine Herausforderungen auf Managementebene. Daher freue ich nun auch, eine Weiterbildung an der Universität St. Gallen im Insurance Management machen zu können.

Häufig arbeiten junge Jurist*innen zumindest eine Zeit lang in Anwaltskanzleien, bevor sie einen Wechsel auf die Unternehmensseite in Betracht ziehen. Welche Vorteile sehen Sie darin, direkt den Berufseinstieg in einem Unternehmen zu machen?

Ich denke, es sind unterschiedliche Ausgangspositionen. Als Anwalt oder Anwältin ist man darauf geschult, eigenständig ein Mandat zu führen, welches irgendwann abgeschlossen ist. Im Unternehmen hingegen ist man in einem permanenten Prozess eingebunden. Es gibt mehr Ebenen und mehr Möglichkeiten, sich innerhalb des Unternehmens auszuprobieren. Bei einem direkten Einstieg kann man sich auch das unternehmensinterne Netzwerk viel früher aufbauen und erste Einblicke in die Vielseitigkeit interner Strukturen und Politik gewinnen.

Sie waren 14 Jahre lang als Unternehmensjuristin tätig, bis Sie in eine leitende Position wechselten. Was braucht es aus Ihrer Sicht, um in einem Unternehmen Karriere zu machen?

Ganz wichtig erscheint mir der Aufbau eines firmeninternen und -externen Netzwerkes, um sich ein gewisses Standing zu verschaffen und für weitere Aufgaben empfohlen zu werden. Dann sollte man auch Bereitschaft haben, seine Fähigkeiten ausserhalb des eigenen Fachbereichs ins Unternehmen einbringen zu wollen. Kommunizieren, dass man eine Entwicklung machen möchte und Gelegenheiten packen, wenn sie sich bieten, ungeachtet dessen, ob man sich zu 100% bereit für die Aufgabe fühlt.

Welche Bedeutung haben hierbei aus Ihrer Sicht Vorbilder oder Mentoren?

Man braucht Vertrauenspersonen. Mentoren sind Teile deines Netzwerks und gerade in Führungspositionen basieren viele Entscheide schlicht auf Erfahrungswerten. Dabei hilft es enorm, wenn man sich mit jemandem austauschen kann, der die Erfahrung hat, gerade wenn man frisch in einer solchen Position ist.

Während dieser Zeit sind Sie auch Mutter von zwei Töchtern geworden. Wie vereinen Sie und Ihr Partner ihre beiden Berufstätigkeiten mit ihrem Familienleben?

Anfangs haben wir in der Aufteilung gearbeitet, dass mein Mann zu 100% und ich zu 60% im Beruf waren. Nach der Geburt unserer Kinder war ich jeweils für ein halbes Jahr im Mutterschutz. Diese Freiheit, ein halbes Jahr bei vollem Gehalt von der Arbeit aussetzen zu dürfen, habe ich sehr geschätzt. So konnte ich mich während des Mutterschutzes voll und ganz auf die neue Familiensituation einlassen und kehrte danach gerne wieder an meinen Arbeitsplatz zurück. Als Juristin im Rechtsdienst war ein Pensum von 60% gut machbar. Zudem haben wir das grosse Glück, dass die Grosseltern sich regelmässig an der Kinderbetreuung beteiligen und auch ausserordentlich einspringen, wenn z.B. ein Kind mal krank ist.

Nach der Übernahme der Leitungstätigkeit habe ich dann mein Arbeitspensum auf 100% aufgestockt und mein Mann das seinige auf 80% reduziert. Unsere Kinder sind jetzt auch bereits in der Primarschule, das erleichtert auch nochmals einiges. Unserer Erfahrung nach ist die Betreuungsintensivität bei einem Kleinkind doch um einiges höher.

Wie hat sich ihre Aufgaben und Organisation nach Ihrem Wechsel in die Leitung der Rechtsabteilung verändert?

Ich stehe innerlich oft im Zwiespalt zwischen meinem Perfektionsanspruch an das eigene Arbeiten und dem Bedarf an Delegation. Ich musste mich an ein Aufgabenvolumen gewöhnen, bei dem frühzeitige Delegation unabdingbar ist. Dabei geht es mir weniger um die Kontrolle, denn ich habe ein kompetentes Team, als ums Timing. Um die Frage, wie weit ich eine Aufgabe selbst bearbeite, bevor ich sie ans Team weitergebe.

Während des «Lockdowns» aufgrund der Covid-19 Pandemie im Frühjahr 2020 waren viele Eltern mit der Doppelbelastung von Arbeit im Home-Office und der ganztätigen Betreuung und Home-Schooling ihrer Kinder konfrontiert. Wie haben Sie und Ihr Partner diese Zeit erlebt und überstanden?

Home-Schooling war eine ganz eigene Belastung. Unsere jüngere Tochter konnte sich nicht allein hinsetzen und ihre Aufgaben machen. Jeweils einer von uns musste die Rolle der Lehrer*in übernehmen. Für den Nachmittag gab es kein Home-Schooling Programm und keine anderen Kinder zum Spielen. Unterhaltung war angesagt. Mehrheitlich übte sich hier mein Mann in der Rolle des Entertainers. Unsere Arbeit haben wir abwechslungsweise am Tag aber dann halt auch abends erledigt. Die Tage waren schon lange, zumal auch das ganze Versorgungsnetzwerk mit den Grosseltern auf einen Schlag wegfiel. Schön waren die gemeinsamen Mittagessen und interessant der vertiefte Einblick in den Schulalltag.

Was können wir aus dieser Zeit aus Ihrer Sicht lernen?

Durch die Pandemie haben wir gelernt, dass mit entsprechender Ausrüstung, in vielen Bereichen Home-Office möglich ist. Die Arbeit in einem Rechtsdienst beispielsweise kann gut von zu Hause aus erledigt werden. Allerdings würde ich künftig nicht vollständig auf einen virtuellen Austausch setzen möchten, zumal gerade Führung aus der Ferne eine echte Herausforderung ist.

Durch ein vermehrtes Home-Office entfallen auch Arbeitswege, was einiges an Entspannung im Alltag bringt. So bin ich vor Corona wegen unserer Kinder mittags um zwölf heimgefahren und nach dem Mittagessen um zwei wieder zurück ins Büro gefahren. Zeit, die ich anders nutzen kann.

Am 27. September 2020 wurde der Gesetzesentwurf zum Vaterschaftsurlaub angenommen. Was braucht es noch, damit junge Jurist*innen sich zukünftig Familienarbeit gleichberechtigt und aufteilen können?

Sicher die Möglichkeit von zu Hause aus arbeiten zu können. Das Home-Office ersetzt nicht die Kinderbetreuung aber bringt doch Entlastung im Alltag. Zudem muss es möglich sein, tolle, anspruchsvolle Jobs in einem 80% Pensum machen zu können. Und zwar nicht für Frauen, sondern grundsätzlich. Auch Männer haben ein Interesse daran, spannende Aufgaben mit geringerem Pensum machen zu können und sich damit effektiv die Kinderbetreuung mit ihren Partnerinnen teilen zu können. Ich sehe es noch häufig, dass «Frauenjobs» auf Teilzeit ausgeschrieben werden, wohingegen für Männer der Grund der Kinderbetreuung häufig nicht für eine Pensumsreduktion zu reichen scheint. Schliesslich ist auch Flexibilität bei den Arbeitszeiten wichtig und kommt immer mehr.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

Basel/Zürich, 2. März 2021. Das Interview führte Charlotte Rosenkranz.

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